Das Kollwitz-Museum in Köln zeigt die Kunst des Art Déco

Mit elegantem Schwung zeigt Paul Colin 1927 auf diesem Blatt aus dem Zyklus „Le Tumulte Noir“ Josephine Baker, zu sehen in Köln. Fotos: © MKG Hamburg / VG Bild-Kunst

Köln – Auf einer Fußspitze balanciert, nein: schwebt Josephine Baker in Paul Colins elegantem Druck aus der Serie „Le Tumulte noir“ von 1927. Armdicke Bananen bekränzen sie um die Hüfte. Sonst ist die Tänzerin nackt. Diese Kombination von Exotik und Erotik begeisterte die Pariser in den Goldenen Zwanzigern.

Den künstlerischen Ausdruck fanden jene Jahre, in denen Europa optimistisch in die Zukunft sah, in denen neue Produktionstechniken und neue Vergnügungen ein besseres Leben versprachen, wenigstens für die, die es sich leisten konnten, im Art Déco. Den Begriff prägte der Architekt Le Corbusier, und er meinte ihn kritisch. Eine rein dekorative, oberflächliche Kunst. Aber inzwischen weiß man die Eleganz, die Klarheit, die Leichtigkeit durchaus zu schätzen. Einen schönen Überblick über Plakate, Illustrationen und Anzeigen jener Epoche bietet die Ausstellung „Art Déco – Grafikdesign aus Paris“ im Käthe-Kollwitz-Museum in Köln.

Eigentlich steht das Haus ja im Zeichen der sozialkritischen, engagierten Kunst der Namenspatronin. Aber zum einen hat Kollwitz ja selbst einige frühe Jahre in Paris verbracht, durchaus auch in Tanzlokalen und Cafés. Und zum anderen gehört es zum Programm des Museums, grafische Techniken vorzustellen. Mit dem Art Déco verbunden ist die Technik des Pochoir-Drucks. Dabei werden die Blätter mit Hilfe von Schablonen koloriert. Dabei entstehen eigentlich klare, von einem Farbton bestimmte, oft etwas artifizielle Kompositionen. Sie können ihren eigenen Charme entfalten wie in Édouard Halouzes Arbeiten aus dem „Traité d‘enluminure d‘art au pochoir“ (1925), einer Art Lehr- und Musterbuch der Technik. Wie da die Dame auf dem Balkon zur weißen Taube aufblickt, vor sich ein buntes Gewucher, bei dem man nichtrecht weiß, ob es Sträucher sind oder Riesentintenfische, das wirkt zwar etwas starr, hat aber doch eine eigene Poesie.

Wenn man das aber so raffiniert ausführt wie Paul Colin in seiner Serie um Jazz und Tanz, dann entsteht der Eindruck eines frei gesetzten Aquarells. Am Körper der Baker zum Beispiel setzt der Künstler frappierende Lichteffekte. Die zwei Farbtöne, die mit verschiedenen, sich fast überlappenden Schablonen gesetzt wurden, erzeugen die Illusion einer individuellen Pinselschrift.

Rund 120 Arbeiten vermitteln die Bandbreite der Themen und Techniken. In der Kooperation mit dem Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, das über eine exquisite Sammlung mit rund 700 Objekten verfügt. Das Art Déco entstand parallel zum Suprematismus in Russland, zum Stijl in den Niederlanden, zum Bauhaus in Deutschland. Man findet viele gestalterisch progressive Elemente. So wirkten einige nach Frankreich exilierte russische Avantgardisten, Natalja Gontscharowa gestaltete 1923 das Plakat zum „Grand Bal du Nuit“. Wie Fernand Léger den apokalyptischen Text des Schriftstellers Blaise Cendrars, „La Fin du Monde“ (1919) bebildert, das knüpft an den Kubismus an, das kombiniert Geometrie, Schrift und Kontraste zu einer plakativen Wirkung. Auch Paul Colin setzt in der Serie „Le Tumulte Noir“ zuweilen eine geometrische Abstraktion und die Auflösung der Perspektive ein.

Die Begeisterung für schwarze Künstler war nicht frei von Herablassung, von einer im Kolonialismus wurzelnden Selbstsicherheit. Aber Colin ging weiter, er stellte auch europäische Künstler wie Cécile Sorel und Maurice Chévalier dunkelhäutig dar.

Aber es fehlt, bis auf wenige Ausnahmen, das soziale, das politische Moment. Art Déco befasst sich mit der Lebenssphäre des Bürgertums, es geht um Freizeit und Konsum. Almanache feiern das elegante Leben in Salons mit exaltierten Darstellungen, bei denen George Barbier 1923 ein Indianerpaar im Kanu auf dem Missouri neben die Darstellung musizierender Gesellschaftsdamen im Salon stellt. Barbier bespielt das Motivrepertoire der Tradition mit Darstellungen der „sieben Todsünden“ (1923), wobei er die „Trägheit“ mit sich räkelnden Besucherinnen einer Opiumhöhle bebildert und den „Zorn“ mit einer Dame, die auf ihren Begleiter mit dem Schirm einschlägt.

Mode und Tourismus, Alkohol und Automobile, das sind zentrale Motive der Art-Déco-Künstler in der Kölner Ausstellung. Die aktuellen Kreationen der Haute Couture zum Beispiel aus dem Modehaus Worth wurden eben noch nicht fotografiert, sondern von George Barbier für die „Gazette du Bon Ton“ ins Bild gesetzt, kunsthistorisch unterfüttert mal mit einem Torbogen und einer italienischen Renaissancelandschaft im Hintergrund bei „Hier bin ich!“, mal als antike Jagdgöttin Artemis.

Und wer so den Fortschritt feiert, der muss auch Motorfahrzeuge inszenieren. Bei René Vincent wird die Nobelkarosse der Firma Georges Irat für eine Anzeige monumental ins Bild gesetzt, eine Mischung aus Schneewittchens Kutsche und Panzer (1927). Überaus charmant wiederum die Anzeigen für den Aperitif Dubonnet, die A. M. Cassandre in den 1930er Jahren, sozusagen im Verwehen des Art Déco, wie Standbilder aus einem Puppen-Animationsfilm gestaltete.

Bis 10.1.2021,

di – so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0221/ 227 28 99,

www.kollwitz.de

Katalog, Edition Braus, Berlin, 22 Euro

Quelle: wa.de

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