„Kokereien international“ – Fotografien auf der Zeche Hannover in Bochum

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Maloche unter Dampf und Gasen: „Auf der Ofendecke“, Bottrop 2010, von Christoph Oboth

Von Achim Lettmann -  BOCHUM Am Anfang waren Bernd und Hilla Becher, die seit den 60er Jahren Industrieanlagen fotografierten. Die Bildserien des Düsseldorfer Künstlerpaares – vor allem aus den USA und Europa – gründeten eine neue dokumentarische Fotografie. Ihre Düsseldorfer Schule hat die Fotokunst seit den 70er Jahren um konzeptuelle und sachliche Ansätze erweitert. Wer die Ausstellung „Kokereien international“ auf der Zeche Hannover in Bochum besucht, wird erinnert, wie sehr die Kulturgeschichte von Industriestandorten über die Fotografie gesichert wird.

Denn Hochöfen, Fördertürme, Fabrikhallen, Gasometer und Kokereien lassen sich nicht ins Museum stellen. Aber es gibt sie zu sehen.

Fünf Fotografen zeigen im Industriemuseum des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe rund 60 Aufnahmen aus Deutschland, Belgien, Frankreich, Polen, Spanien und Bosnien. Sie arbeiten zeitlich nah an den Industrieanlagen, das heißt, Kokereien werden als Arbeitsplatz, Werksanlage, stillgelegtes Areal, Industrieruine und Überrest fotografiert. Um die „Typologien“ von Kokereien im Sinne der Bechers geht es in Bochum streng genommen nicht. In dem Malakoff-Förderturm der ehemaligen Großzeche Hannover wird einem bewusst, wie vergänglich die Kokerei-Technik in Europa ist, während weltweit immer mehr Koks produziert wird. Denn für die Stahlproduktion ist Koks unerlässlich. Hierzulande gibt es nur noch drei Kokereien, eine steht in Bottrop.

In Bochum ist die Fotografie „Kokskohlenturm“ (2007) der Kokerei Trubia im spanischen Asturien zu sehen. Jens Schaefer zeigt die Industriearchitektur vor grünen Hängen und lässt Aktionen auf dem Fußballplatz dahinter erahnen. Details interessieren den Fotografen auf der Kokerei Carling bei St. Avold im lothringischen Frankreich (2003). Ein Arbeiter ist mit Mundschutz, Helm und Handschuhen dabei, die „Arbeit an den Steigrohrdeckeln“ zu verrichten. Hier treten beim Koksbacken Gase aus. Ein Blick auf den Arbeitsplatz, den es heute nicht mehr gibt.

Christoph Oboth abstrahiert die Kokerei. Auf seinen Bildern herrschen Glut und schwarze Materie. Seine Hitzefotografien vom „Kokskuchen“, Duisburg 2003, dokumentieren den Kern der Anlage, wo eine brüchige Masse als neuer Energielieferant entsteht: Koks. In Oboths Fotografien erscheint die Kokerei als Maschine mit einem Eigenleben. Ein unwirklicher, menschenfeindlicher Ort. Aber auch Oboth interessieren Menschen bei der Arbeit, wie es das Foto „Auf der Ofendecke“, Bottrop 2010, zeigt. Keiner der fünf Fotografen hängt nur einem Fotokonzept nach.

Edgar Bergstein findet mit seiner Schwarzweißfotografie der Kokerei Monckton im britischen Roysten (1998) einen sozialen Ansatz. Aus dem Löschturm steigt der Wasserdampf in den Himmel und in unmittelbarer Nähe ist ein Wohnblock zu sehen, mit zwei Menschen im Fenster. Hier wirkt alles verloren, auch weil Bergstein vor der Industriekulisse einer öden Brache viel Platz in seiner Bildkomposition schafft.

In Schwarzweiß zeigt auch Andreas Tenberge Überreste der Kokerei Kaiserstuhl, Dortmund 2011, die nur von 1992 bis ins Jahr 2000 Koks produzierte. Tenberge dokumentiert die eingestürzten und verrotteten Batterien in feinen Grautönen. Kaiserstuhl war demontiert und nach China verschifft worden. Dagegen scheint über den Kokerei-Bunker vom Hüttenwerk Phoenix-West in Dortmund-Hörde, 2007, die Zeit hinweg gegangen zu sein, auch wenn er in seiner Ausdehnung noch mächtig erscheint. Die Fotografie wirkt wie eine Grablegung.

Zeitlich noch weiter zurück geht Werner Köhler, wenn er die „Fundamente der Koksofenbatterie“ der Kokerei Neu-Iserlohn (1895 gegründet) 2006 in Bochum ablichtet. Ein bisschen verwunschen sieht diese Fotografie aus, die den regelmäßig gemauerten Kammern zwischen Ästen und Bäumen einen märchenhaft unberührten Platz in der Natur einräumt. Die Ruine steht seit 1995 unter Denkmalschutz.

Zum Höhepunkt der Kokerei-Fotografie zählt die Wolke, die beim Löschen des Koks in den Himmel steigt. Christoph Oboth fotografiert eine „Löschwolke“, Duisburg 2013, als gigantische Dampfsäule, die plastisch und mächtig wirkt, vor dem wolkigen Himmel. Im Hintergrund sind Kühlturme und Schlote der Industrielandschaft am Niederrhein zu sehen. Ein imposantes Bild.

In Deutschland gibt es drei Kokereien, die als Industriedenkmale erhalten werden. Die Kokerei Hansa in Dortmund, die Kokerei Zollverein in Essen und die Kokerei der Völklinger Hütte im Saarland. In anderen Ländern werden diese Zeugnisse der Industriekultur in keinem Zustand konserviert.

Die Schau

Vielteilige Ansichten einer Industriearchitektur, die fünf Fotografen mit ihren Bildern erhalten.

Kokereien international im Industriemuseum Zeche Hannover. Bis 28. September, mi-sa 14 bis 18 Uhr, so 11 bis 18 Uhr;

Tel. 0234/6100 874

www.lwl-industriemuseum.de

Weitere Bilder der fünf Fotografen auf www.indu-art.org

Quelle: wa.de

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