Die Königlichen Museen in Brüssel zeigen Kandinsky aus russischen Sammlungen

+
Das erste Bild Kandinskys ohne einen anderen Gegenstand als Farbe und Linie: Das „Bild mit Kreis“ (1911) ist in Brüssel zu sehen.

Von Ralf Stiftel BRÜSSEL - Einfach nur „Bild mit Kreis“ heißt das 139 cm hohe, etwas mehr als einen Meter breite Gemälde. In seinem unteren Bereich vermischen sich die Farben zu einem unscharfen Feld, Zonen der Helligkeit leuchten in Gelb auf, und die rotblaue Figuration rechts könnte einen Menschen meinen.

Im oberen Bereich arbeitete der Maler mit schwarzen Lineaturen, die Gebilde aus dem bunten Gewölk abtrennen. In der rechten Ecke erkennt man den Kreis. Das Bild aus dem Jahr 1911 markiert Kulturgeschichte. Wassily Kandinsky bezeichnete es als sein frühestes abstraktes Werk.

Zu sehen ist es in den Königlichen Museen der schönen Künste in Brüssel. Die Ausstellung „Kandinsky & Russia“ präsentiert mehr als 60 Werke des russischen Malers aus der Zeit von 1901 bis 1920. 1921 verließ er die Sowjetunion, um als Lehrer ans Bauhaus nach Weimar zu gehen. Die belgische Schau arbeitet in Kooperation mit dem Russischen Museum St. Petersburg heraus, wie Kandinsky zur Abstraktion fand. Dazu werden zusätzlich zu seinen Bildern 90 weitere Stücke gezeigt, ethnographische Objekte wie ein Schamanenkostüm aus Sibirien, Volkskunst und Werke der russischen Avantgarde, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts allgemein im Aufbruch befand.

Besonders sehenswert ist die Ausstellung, weil die meisten Exponate aus Museen der ehemaligen Sowjetunion stammen, natürlich aus dem Petersburger Haus, aber auch aus Kazan, Nowgorod, Omsk, Wladiwostok. Das „Bild mit Kreis“ gehört dem georgischen Nationalmuseum in Tblissi. In dieser Fülle war dieser Bestand zuletzt 1989 in einer Frankfurter Ausstellung zu sehen, da allerdings mit anderem thematischen Schwerpunkt.

Kandinsky (1866-1944) gilt als Erfinder der Abstraktion. Die Schau, kuratiert von Eugenia Petrowa, Claudia Beltramo Ceppi und dem Brüsseler Museumschef Michel Draguet, zeigt, wie der Künstler eben nicht nur westliche Einflüsse zum Beispiel aus seiner Zeit in der Münchner Künstlergruppe „Der blaue Reiter“ verarbeitet. Sein Werk ist ebenso geprägt von der russischen Kultur. Man merkt es besonders frappierend an einer Wand, die um Kandinskys „Heiligen Georg II“ (1911) gehängt ist. Auf den ersten Blick wirkt das Gemälde völlig abstrakt, eine Komposition um eine bildhohe schräge Achse mit einer kleinteiligen Struktur farbiger Felder, die sich zu einem fast kristallinen Mosaik zusammensetzen. Schaut man aber auf die Ikone „St. Georg und der Drache“ aus dem 15. Jahrhundert daneben, dann erkennt man die Achse als Lanze, findet die Gestalt des Heiligen auf dem Streitross und meint unten den roten Rachen und die Zacken des Drachen zu sehen.

Die Ausstellung folgt grob der Chronologie, gruppiert um Kandinskys Arbeiten aber Vergleichsobjekte. So findet man im Frühwerk eben auch viele Vertreter des russischen Symbolismus, zum Beispiel eine wunderbar verträumte Serie von Aquarellen von Iwan Bilibin zu Puschkins „Märchen vom Zaren Saltan“ (1905). Russische Bauernmöbel mit ihren markanten Dekorationselementen sind zu sehen. Und anonyme Farblithografien aus dem 19. Jahrhundert zu Volksliedern, bei denen die Farbe nicht präzise den Motiven eingepasst wurde, sondern nur grob über ein Kleid, eine Baumgruppe, ein Dorf im Hintergrund gedruckt wurde. Im billigen Massenprodukt sparte man Kosten mit der Methode. Zugleich aber löst sich die Farbe so vom Gegenstand, bekommt eigenes Gewicht.

Außerdem stand Kandinsky natürlich im Austausch mit den Avantgardisten der Zeit. Die Schau deutet diesen Dialog an mit einer kristallin dargestellten Stadtansicht von Aristarch Lentulow („Kloster“, 1910), bäuerlichen Motiven von Natalja Gontscharowa und expressiven Farbexplosionen von Michail Larionow („Baum“, 1910-11) an, zeigt ebenso eine suprematistische Komposition von Kasimir Malewitsch und Arbeiten von Kandinskys Weggefährten Gabriele Münter, Marianne von Werefkin und Alexej von Jawlensky.

So öffnet die Schau den Blick darauf, wie Kandinsky zum Pionier der Abstraktion reifen konnte. Die frühen, folkloristisch gestimmten Druckserien, die zwischen Jugendstil und Symbolismus liegen, die „Gedichte ohne Worte“ (1903) mit üppig kostümierten Hofdamen, Rittern und bäuerlichen Gesellschaften. Noch lange bleibt ihm dieser Ton, zum Beispiel in Hinterglasbildern, die er 1918 schuf, wie die „Amazone mit blauen Löwen“. Die französischen Fauves hinterließen ihre Spuren in seinen Landschaftsbildern, die er zwischen 1901 und 1906 schuf, bis er im Umfeld des „Blauen Reiters“ Bilder malte, in denen die Lokalfarben sich vom Gegenstand immer mehr befreiten. Und auf einmal sieht man keine Hügel, Bäume, Reiter, Wolken mehr, sondern nur Ballungen aus farbigen Strukturen, die irgendwie organisch aussehen, aber nichts mehr repräsentieren außer visuellen Rhythmen und Farbakkorden. „Gemälde mit Punkten“ heißt ein solches Werk von 1919, in dem die wirkliche Welt nur noch als Erinnerung nachklingt. Nun herrscht die freie Vorstellung des Malers.

Kandinsky & Russia in den Königlichen Museen der Schönen Künste Belgiens, Brüssel. Bis 30.6., di – so 10 – 18.30, mi bis 20 Uhr,

Tel. 0032/2/ 508 32 32, www.expo-kandinsky.be,

Katalog (nl./frz.) 35 Euro,

Allg. Info: Tourismus Flandern, Köln, 0221 / 270 97 70

www.flandern.com

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare