Das Kölner Museum Ludwig erinnert an seinen Mentor: „Ludwig goes Pop“

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Lebensecht bis zum Dreck auf dem Trikot: Duane Hansons Skulptur „Football Vignette“ (1969).

Von Ralf Stiftel KÖLN - Sie alle haben sich als moderne Ikonen dem Gedächtnis eingebrannt. Roy Lichtensteins grellbuntes, grob gerastertes Comic-Mädchen, das so verwirrt „M-Maybe“ stottert. Der „Double Elvis“, den uns Andy Warhol als lebensgroß verdoppelten Revolverhelden gegenübertreten lässt.

Die Zielscheibe, die Jasper Johns als fragile Enkaustik in Wachs gemalt hat. Das lebenspralle Flusspferd, dem Mel Ramos eine aufreizend nackte Blondine auf den Rücken gesetzt hat.

Diese Bilder haben alles, was Pop-Art ausmacht. Man begegnet ihnen im Kölner Museum Ludwig, in der Ausstellung „Ludwig Goes Pop“. An den Rhein geholt hat sie einst das Sammlerpaar Peter und Irene Ludwig. Sie brachten die neue Kunstrichtung als erste in die Museen, 1968 ins Suermondt Museum in Aachen, im Jahr darauf in noch größerem Umfang ins Wallraf-Richartz-Museum nach Köln. Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Viele dieser Werke kamen als Schenkung endgültig in die Domstadt, in das 1976 gegründete Museum Ludwig. Inzwischen gibt es Ludwig-Museen rund um den Erdball. Als Erinnerung an die Anfänge von Peter Ludwig als auch öffentlich auftretenden Sammler und gewiss auch als Publikumsmagnet hat das Kölner Haus rund 150 der wichtigsten Werke aus der Sammlung Ludwig zusammengeholt aus Aachen, Budapest, Wien, Petersburg, Peking zu einer beeindruckenden Leistungsschau des Pop.

Ludwig, das betont Stephan Diederich, der die Schau mit Luise Pilz kuratierte, war kein Pop-Sammler der ersten Stunde. Anfangs mochte er, der Kunsthistoriker, der viel Alte Meister gesammelt hatte, Pop nicht einmal. Aber als er einmal überzeugt war, wandte er sich radikal dieser sehr gegenwartssatten Kunstrichtung zu. Er kaufte in den wichtigen Galerien, aber auch Werke von der vierten, von Pop dominierten documenta in Kassel (1968). Und er hat ihr zum Durchbruch verholfen. Die Kölner Ausstellung von 1969 mit Werken seiner Sammlung, die dann als Dauerleihgabe im Wallraf-Richartz-Museum verblieben, war ein Riesenerfolg mit mehr als 200 000 Besuchern.

Die Kölner Schau ist das größte Projekt des Museums in diesem Jahr, hätte aber noch viel größer ausfallen können. Um eine klare Linie zu bekommen, haben die Kuratoren nur Arbeiten von US-amerikanischen und britischen Künstlern ausgewählt, die zwischen den 1950er und 1970er Jahren entstanden sind. Man erlebt also Pop von der Entstehung bis zur Blütezeit, und zwar mit Schlüsselwerken, wie sie selbst US-Museen oft nicht in der Qualität besitzen. Es gibt elf Ausstellungskapitel, die oft Werkgruppen einzelner Künstler bieten. So hat Jasper Johns einen herrlichen Oberlichtsaal, den die „Map“ (1967–71) dominiert, ein zehn Meter breites Puzzle aus Dreieckselementen. Davor stehen bescheiden zwei in Bronze gegossene „Ale Cans“, Bierdosen, (1960) in einer Vitrine.

Der Eintritt in die Schau führt vorüber an Duane Hansons hyperrealistischen Skulpturen schlafender Obdachloser in einen Saal voller Hommagen an die Warenwelt. Claes Oldenburg präsentiert den „Soft Washstand“ (1965), eine Badezimmerarmatur aus Stoff, einen Gipsanzug und Gipsnahrungsmittel auf einem Herd. Andy Warhols Waschmittelkartons und Suppendosen sind zu sehen. Tom Wesselmann zeigt eine Landschaft mit VW-Käfer.

Pop – das war der Einbruch der Marktwirtschaft in die Kunst. Alles konnte Kunst werden: Suppendosen, Starfotos aus Zeitschriften, Zeitungsausrisse, Pin-Ups, Reklame. Prachtvoll führt der folgende Saal vor, wie die Künstler die Tradition trotzdem nicht vergaßen, sondern sich einverleibten. Lichtenstein schuf gerasterte Variationen von impressionistischen, kubistischen, futuristischen Gemälden. Eine naturalistische Atelierszene von John de Andrea präsentiert lebensgroß den Künstler und ein Modell, das nackt auf einem Stuhl sitzt, die Rückenpartie komplett eingegipst. Sie blickt sinnend in die Ferne, er steht hinter ihr, sieht sie an – eine moderne Fassung des antiken Mythos von Pygmalion, der sich in seine Skulptur verliebt. Und auch David Hockney zeigt in seinen Gemälden „Atlantic Crossing“ (1965, aus Peking geliehen) und „Sunbather“ (1966) vor allem zwei Weisen, eine Wasseroberfläche darzustellen.

Spannungsreich führt die Schau vor, welche Bandbreite die Pop-Art abdeckte. Da gab es das spröde, zehn Meter breite Relief, das Robert Rauschenberg aus Kartons an die Wand montierte, „Radiant White“ (1971). Da gibt es eine Arbeit von James Rosenquist aus Plastikfolienstreifen, „Forest Ranger“ (1967), auf die ein Panzer und eine Säge gedruckt sind und die frei im Raum hängen, als Vorhang, den der Besucher durchschreiten darf. Da sind Robert Indianas Schriftmontagen, unter anderem eine große Variation von „Love“, „Love Rising“ für Martin Luther King (1968). Man kann Künstler entdecken, die mittlerweile nicht mehr so berühmt sind wie zu Lebzeiten, zum Beispiel Richard Lindner, den emigrierten Juden mit seinen provokanten, sexuell aufgeladenen Figurenbildern, die an die Kunst der Neuen Sachlichkeit anknüpfen. Und man hat die klaren politischen Statements zum Beispiel von Edward Kienholz mit seinem „Portable War Memorial“.

Ludwig ließ sich von alldem begeistern – und der Besucher profitiert heute davon.

Ludwig goes Pop

im Museum Ludwig, Köln.

Bis 11.1.2015., di – so 10 – 18, do bis 20 Uhr,

Tel. 0221/ 221 26 165,

www.museum-ludwig.de; Katalog, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 29,80 Euro

Quelle: wa.de

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