Klezmer-Musik von Daniel Kahn & Painted Bird

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Cover zu „Daniel & Painted Bird“. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ Daniel Kahn & Painted Bird: Lost Causes (Oriente Music). Daniel Kahn und seine Band „The Painted Bird“ erneuern die Klezmer-Musik. Bei ihm ist das keine melancholisch-romantische Innerlichkeitsschau.

Kahn, der aus Widerwillen gegen die Regierung Bush 2005 von New York nach Berlin zog, packt Zorn, Kraft und Witz in seine Lieder, die er fast immer zweisprachig jiddisch-englisch, zuweilen auch deutsch singt. Vor allem findet er historisches Material, das präzise in die Gegenwart passt. Der „Arbetslozer Marsh“ handelt vom Aufbruch der Ausgestoßenen: „Let the yuppies have their wine, bread and water suit us fine“. Das Lied stammt von Mordechai Gebirtig, einem polnischen Tischler und Poeten, der 1942 im Krakauer Ghetto ermordet wurde. Kahn spielt das mitreißend mit der Verve eines Kneipenlieds, das er mit Wut und Mut auflädt. Ein Arbeiterlied von 1889, „In Kamf“, erhitzt er mit flammender Rockgitarre zur aggressiven Hymne. Er schlägt in „Inner Emigration“ die Brücke von der NS-Zeit in die Gegenwart, um dann Brecht/Weills „Denn wozu lebt der Mensch“ aus der „Dreigroschenoper“ in einer kongenialen Fassung folgen zu lassen. Er „fartaytsht“ uns „Lili Marleen“, übersetzt es ins Jiddische und singt es, nur von Spieluhr und singender Säge begleitet. Denn er beherrscht auch die leisen, verletzlichen Töne. Man höre nur sein „Görlitzer Park“, ein Liebeslied in Berlin, „our city of love and of slaughter“, gesungen in einer unnachahmlichen Mischung aus deutschen und englischen Zeilen. In einer Musikszene, die geprägt ist von kantenloser Gefälligkeit, ist Kahns souveräne Verbindung von verbindlichen Aussagen und lustvoller Ästhetik nicht hoch genug zu schätzen.

Quelle: wa.de

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