Kleists „Guiskard“ zum Start der Ruhrfestspiele

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Momente der Unruhe: Szene aus „Robert Guiskard“ in Recklinghausen mit Thomas Thieme (links), Mathieu Carrière (2.v.r.) und Wolfram Koch (rechts).

Von Ralf Stiftel ▪ RECKLINGHAUSEN–Am Anfang erblicken wir den Dichter höchstpersönlich. Kleist, wie er in der Kammer in Paris wieder und wieder Zeilen aufsagt, die sich einmal zu seinem Trauerspiel „Robert Guiskard“ fügen sollen. Manchmal kritzelt er sogar einige Zeilen auf das Papier. Das fertige Drama hat der Dichter vernichtet. Und sich später überlegt, es doch noch fertigzustellen. Aber es blieben nur zehn Szenen, ein Anfang. Zu wenig für einen Abend, darum kaum gespielt. Intendant Frank Hoffmann hat die Ruhrfestspiele Kleist gewidmet: „Kontinent Kleist im romantischen Meer“. Und eröffnet das Festival mit einem Versuch, das Fragment auf die Bühne zu bringen.

Kleists Trauerspiel handelte von dem Normannenherrscher, der sich 1080 bei der Belagerung Konstantinopels mit der Pest infiziert und auf der Bühne stirbt. Die erhaltenen Szenen schildern zunächst die Gerüchte, den Herzog habe die Pest angehaucht, von der Verwirrung im Volk, vom Wunsch, den Feldzug abzubrechen. Der Sohn Robert und der Neffe Abälard treten als Rivalen um das Thronerbe auf. Am Ende kommt Guiskard und bestreitet, krank zu sein. Nicht viel Handlung, wie gesagt.

Für seine Ausgrabung, realisiert als Koproduktion mit dem Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, sparte Hoffmann an nichts. Bekannte Darsteller wie Mathieu Carrière, Thomas Thieme, Wolfram Koch wirken mit. Die Bühne von Stefan Mayer deutet auf großes Drama: Ein Geviert aus brauner Erde, gerahmt von gläsernen Gängen. Erdfackeln flackern. Und auf die Rückwand werden die Ereignisse im Zelt des Herrschers als expressive Schwarz-Weiß-Szenen projiziert. Dazu wummern dumpfe Trommeln, brummen Synthesizer schicksalsschwer.

Der Abend hat seine Momente. Der größte tritt ein, als Thieme endlich die Bühne betritt, ein massiger Mann, barfuß im weißen Nachthemd, und doch zentriert sich alles auf ihn und seine Autorität. Wie er Abälard einen Platz zuweist, wie er auf der Stelle trippelt – seht her, wie fidel ich mich fühle –, wie er Juliane Koren (die das „Volk“ verkörpert) jovial einen Kuss aufdrückt, da konzentriert er in wenige Minuten alle Facetten des väterlichen Machthabers. Aber auch die rivalisierenden Prinzen spielen fein Winkelzüge der Politik aus, Sören Wunderlich als selbstgewiss hochmütiger Robert, Wolfram Koch, der neben dem Kleist noch den Neffen Abälard als skeptischen Volkstribun gibt. Und wenn sie im Halbdunkel die Symptome der Krankheit wispern und murmeln, dann gewinnt das Gerücht schon szenische Präsenz. Und das Thema des ungeliebten fernen Krieges hat ja angesichts der Lage in Afghanistan einige Aktualität.

Aber das alles fügt sich nicht zusammen, findet keinen Spannungsbogen. Der Rahmen des Dichters in Schreibnot soll die Dramenbruchstücke fassen. Aber das rückt Kleists eigentlichen Text in den Hintergrund. Andererseits bleibt das Dichterdrama um den depressiven, auch materiell Not leidenden Autor in dieser monologischen Form zu skizzenhaft, um zu fesseln.

Statt sich auf den Guiskard zu konzentrieren, versucht Hoffmann den Welt entwurf – mit einer Tragödienruine, Zitatbruchstücken, Wiederholungen und Fremdszenen. Es hat auch unfreiwillige Komik, wenn Mathieu Carrière als Greis Armin im weißen Gewand pathetisch umherwandelt und sich immer mal wieder in den Dreck wirft. Wenn Jacqueline Macaulay als Helena die Bühne betritt und Kleist spricht wie Mutti zum kleinen Kevin, so dass wir beim Sandmännchen sind und nicht mehr bei Hofe. Wenn Thiemes Guiskard im Video vom Tische rutscht, kommt die Assoziation zum „Führerbunker“ auf, ehe er Zeilen aus „Apokalypse Now“ aufsagt: „Man muss sich das Grauen zum Freund machen...“ Und zum Abschluss verschwinden erst die Akteure noch in Caspar David Friedrichs „Eismeer“-Gemälde, ehe der Dichter noch einmal auftritt und resigniert: Das Werk sei für ihn zu schwer.

So macht man aus dem Nachhall des großen Dramas ein plakativ-buntes Potpourri aus Romantik und Pop. Zu „Guiskard“ aber ist damit nichts bewiesen.

5.–8.5.,

Tel. 02361/92180

http://www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

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