Kleist-Forum in Hamm als stadtplanerischer Akzent

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Klar, nüchtern und zweckdienlich wirkt das neue Heinrich-von-Kleist-Forum in Hamm. ▪

Von Achim Lettmann ▪ HAMM – Der schönste Platz liegt in der vierten Etage der Zentralbibliothek. Große Fensterfronten lassen viel Licht in den Hammer Neubau. Hier lohnt der Blick über den Willy-Brandt-Platz auf den Hauptbahnhof, der 2001 saniert wurde. Rechts schließen sich die Neugründungen Radstation (1998) und Heliostheater (2004) an, bevor die Hauptpost (1924) den Platz nach Norden begrenzt. Das sachlich moderne Heinrich-von-Kleist-Forum ist auch errichtet worden, um die städtebauliche Situation zu ordnen. Wie viele andere Kommunen im Ruhrgebiet muss die Stadt Hamm aber vor allem auf den demografischen Wandel reagieren. In der Innenstadt West fehlt Kaufkraft.

„Wir wollen wieder mehr Leben ins Bahnhofsquartier bekommen“, sagt Hans-Joachim Dingerdissen, Leiter des Hochbauamts. Als Bauherr versucht die Stadt mit öffentlichen Investitionen das Areal aufzuwerten. Ein Kaufhaus-Gebäude (Horten, Yimpas) aus den 60ern stand Jahre lang leer. Hamm hat nun für 28,72 Millionen Euro ein Haus gebaut, das der Stadtbücherei (3800 Quadratmeter), der Volkshochschule (1800 qm) sowie der privaten Hochschule SRH für Logistik und Wirtschaft (2000 qm) Raum bietet. Das Heinrich-von-Kleist-Forum beherbergt noch einen großen Saal (570 qm) und ein Café (170 qm, „Cup & Cino“). Für die Gesamtsumme dürfen 80 Prozent Förderungsgelder angesetzt werden, 50 Prozent von der Europäischen Union, 15 Prozent vom Bund und 15 Prozent vom Land. Für den Stadtumbau West erhält die Stadt Hamm insgesamt 25,2 Millionen Euro. Die Gelder fließen, weil die öffentliche Investition auch private Ausgaben (Hochschule, Café) bedingt hat. Und wenn sich in zehn bis zwanzig Jahren neue Läden in der westlichen Innenstadt angesiedelt haben, dann ist auch die Rechnung für Hochbauamtsleiter Dingerdissen aufgegangen.

Es zählt zu den neuen Aufgaben der öffentlichen Hand, Stadtteile zu entwickeln, wo früher die Privatwirtschaft wirkte, heute aber eine dauerhafte Verödung droht. Erkenntnis der City-Entwickler an Rhein und Ruhr: nach der Spielhalle und dem Ein-Euro-Laden kommt nur noch der Leerstand. Auch in Hamm gibt es weitere Gefahrenzonen in der Innenstadt.

Das Heinrich-von-Kleist-Forum ist eine kompakte Lösung. Das Büro ap plan (Stuttgart, Berlin) hatte den Wettbewerb 2007 gewonnen, weil die Architekten mit Flächen verantwortungsvoll umgegangen sind. Solitäre Gebäude für alle drei Nutzer hätte zuviel Stadtraum gekostet, sagt Andreas Take, Architekt im Hochbauamt. Die Zeit, dass in Innenstädten „Eye-Catcher“ errichtet werden, sei vorbei, so Take. Wichtig war die „gleiche Formatigkeit“, also die Korrespondenz des Neubaus mit den Häusern am Platz. Deshalb ist das oberste Geschoss des Kleist-Forums ein Stück zurückgenommen, damit die Höhe von insgesamt 20 Metern nicht zu wuchtig wirkt. Dieser Wille zur Reduzierung wirkt auch im Gesamtbild. Die beiden Längstseiten des Neubaus (84 Meter lang, 34 Meter breit) erhalten durch rhythmisierte Fenstergrößen ein strukturiertes Fassadenspiel. Die Etagenaussparung zur Südwestseite schafft einen Gebäudeüberstand, der am nüchternen Format des Kleist-Forums nichts ändert, aber einen kleinen Akzent setzt. Das neue Haus dockt an die historische Blockrandbebauung an. Weil das Kleist-Forum weniger Grundfläche benötigt als das abgerissene Kaufhaus, ist Platz für einen Innenstadt-Park entstanden. In dem angrenzenden Bereich verlief früher die „Kurze Straße“. Sie führte auf den Bahnhof zu. Die historische Sichtachse ist nun wieder freigelegt. Für den Park sollen Hecken und Gleditschien-Bäume in Reihe gesetzt werden.

Die Architekten Mory, Osterwalder und Vielmo orientieren sich vor allem mit der Fassadenstruktur an aktuellen Baulösungen, wie sie in vielen Städten für Funktionsgebäude favorisiert werden. Die Außenansicht wird in Hamm von hellem Naturkalkstein aus Portugal und dunklem Basalt aus China (für den Sockel) dominiert.

Eine architektonische Besonderheit ist die große Halle in der Zentralbibliothek, die über fünf Etagen bis zum Dach reicht. Um den offenen Kern, der dem Haus Transparenz gibt, sind auf drei Seiten die Bibliotheksabteilungen sortiert. Ihre Ordnung profitiert von der Anmutung eines klassischen Atriums, weil sie um den Innenhof herumgeführt sind. Der Bibliotheksbenutzer kann sich auf den lichtdurchfluteten Ebenen jederzeit verorten. Er findet immer wieder Bezugspunkte außerhalb des Hauses. Diese Raumqualität vermittelt Sicherheit und Orientierung.

Damit es in der hellhörigen Halle nicht zu laut wird, ist auf der Seite zur Volkshochschule eine geschlitzte Vertäfelung aus Eiche angebracht. Sie soll den Schall dämpfen.

Für die Volkshochschule sind Atelier-, Werk- und Mehrzweckräume geschaffen worden. Der Bewegungsraum ist 140 Quadratmeter groß. Zwei EDV-Räume, ein Medien-Studio und 14 Seminarräume stehen zur Verfügung. Die SRH-Fachhochschule ist im südlichen Teil des Hauses untergebracht. Hier sind 15 Schulungsräume um eine kleine Atriumslösung auf zwei Gebäudeseiten verteilt. Jede Einrichtung im Kleist-Forum hat einen eigenen Eingang. Zum Park hin, der im Sommer angelegt wird.

Das Kleist-Forum hat eine Bauteil-Aktivierung. Das heißt, dass rund 50 Kilometer Wasserschläuche in den Betondecken verlegt sind. So lässt sich das Raumklima erwärmen und abkühlen. Außerdem ist nachts eine Querlüftung möglich. Fenster und Oberlichter im Dach können geöffnet werden. Eine Energie intensive Klimaanlage gibt es nicht. Es wird mit Fernwärme geheizt.

Eine Hochdrucksprühanlage reagiert im Brandfall. Allein im Bibliotheksbereich sind unter der Decke 450 Düsen angebracht. Der Wassernebel ist so fein, dass das Feuer vor allem erstickt und weniger konventionell gelöscht wird. Der feine Nebel bindet Sauerstoff. Die Anlage sprüht unter einem Druck von 70 bar.

Quelle: wa.de

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