Jan Klata inszeniert Shakespeares „Hamlet“ am Schauspielhaus Bochum

+
Wahrheitssucher am Boden: Dimitrij Schad als Hamlet in Bochum.

Von Ralf Stiftel -  BOCHUM–Seinen berühmten Monolog spricht Hamlet in Bochum nicht als Zweifler. In Shakespeares Tragödie glaubt der Prinz sich allein und wird von seinem mörderischen Stiefvater belauscht. In der Inszenierung von Jan Klata am Schauspielhaus Bochum gehört das „Sein oder Nichtsein“ schon zur Theateraufführung auf dem Theater, mit der der Prinz den unrechtmäßigen König von Dänemark entlarven will. Und er wird nicht von Ophelia unterbrochen, sondern hört von alleine auf: „Weiter bin ich nicht gekommen...“

Der polnische Regisseur verändert das Drama drastisch. Wobei er dem äußeren Ablauf durchaus folgt. Aber er fügt immer wieder selbstreflexive Kommentare ein, Zitate und eingespielte Popsongs. Hamlet verliert dabei die Rationalität, erscheint fast als Rebell ohne Ursache. Der Geist des ermordeten Königs, der alles auslöst, könnte ja nur eine Fieberfantasie des Dänenprinzen sein. In Bochum folgt Hamlet keinem Plan. Er tritt über weite Strecken als verwirrter Jugendlicher auf, der allen auf die Nerven geht. Mit tödlichen Folgen.

Ganz am Anfang lässt Klata einen Schwall von Büchern auf die Bühne regnen. Anfangs ist das eine Art Urmaterie, aus der sich die Akteure einen Band greifen, um sich damit zu bewerfen. Claudius breitet seinen Mantel darüber, als wäre es eine Pfütze, über die Gertrud trockenen Fußes schreiten soll. Dieses Stück, signalisiert das, spielt in einer Papierwelt. Später werden die Bücher zum offenen Karree gestapelt, als Mauer um Ophelias Grab.

An Einfällen mangelt es dem Regisseur nicht. Aber er entwickelt sie als loses Bildmaterial um das Drama. Manche Ideen geben Figuren interessante neue Akzente. Wenn der Staatsrat Polonius seine Kinder als Trainer mit Trillerpfeife zu Ballett- und Boxübungen triezt, dann legt das hübsch seine autoritäre Spießigkeit frei. Hamlet fesselt seine Ophelia an die Turngeräte, S/M und Bondage statt Blümchen-Romantik. Der König stottert, und Hamlet zuckt im Takt dieser Sprachstörung. Stimmen werden über Mikroports verfremdet. Der Körper wird zum Spielmaterial, wenn Hamlet sich ein Buch an den Kopf schlägt und das verstärkt durch den Raum dröhnt als Body-Percussion.

Die Theaterszene, bei der keine fahrende Truppe auftritt, sondern Hamlet selbst mit Rosenkranz und Güldenstern, artet zu einem wilden Happening ohne Text, aber mit lautem Techno-Beat aus. An einen Königsmord durch Gift ist in dieser wüsten Farbspritzerei, Griffen zwischen die Beine, analen Posen nicht zu denken. Der König reagiert nicht schuldbewusst, sondern mit Theaterkritik: „Was hat dieser pubertäre Dreck mit Kunst zu tun?“ Da hat Klata die Lacher auf seiner Seite. Vorher gab es Wortspiele um Po und Polen, nunja. „Polen“, sagt Hamlet dann, „hat eine ganz andere Theatertradition.“

Vieles stimmt auch einfach nicht mehr. Wenn Hamlet den versteckt spionierenden Polonius ersticht, dann beklagt die Königin die „rasche, blut’ge Tat“. In Bochum erwürgt Hamlet den Höfling am Turngerät. Ein trockener Tod. Am Ende gibt es keine Degen, obwohl Laertes sagen darf, dass er seinen mit Gift salben will. Und es gibt auch keinen Gifttrank. Stattdessen tragen Hamlet und Laertes ihren Kampf als Kampfsport-Choreografie aus, bei der sie sich pantomimisch das Herz aus der Brust reißen, das in ihrer Hand weiterzuckt. Irgendwie sind sie dann tot, Fortinbras kommt und rezitiert ein Gedicht von Sbigniew Herbert.

Das ist schrill und plakativ, aber leider fehlt allzu oft der Blick auf das Stück. Der Abend hat kein richtiges Zentrum. Was ihn trotzdem ansehnlich macht, sind die fulminanten Schauspieler, die sich noch in die exaltiertesten Wendungen richtig reinhängen. Dimitrij Schaad in der Titelrolle ist ein Rebell, wild, trotzig, unberechenbar. Roland Riebeling und Nicola Mastroberardino sind als Rosenkranz und Güldenstern wie als Totengräber ein famoses Clownspaar. Andreas Grothgar gibt den Claudius ungewöhnlich feinsinnig, fast als Intellektuellen. Bettina Engelhardt als Königin spricht am Ende nur in Einzelwörtern, eine Gertrud, der die Sprache abhanden kommt. Xenia Snagowski spielt die Ophelia ätherisch.

Großer Jubel für eine merkwürdige Inszenierung.

15., 22., 31.3., 7., 18., 27.4., Tel. 0234/ 33 33 55 55

www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare