Jan Klata inszeniert Schillers „Räuber“ in Bochum

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So kuscheln Halbstarke: Szene aus der Bochumer Inszenierung der „Räuber“; unten rechts: Felix Rech als Karl. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BOCHUM–Sie werfen sich übereinander wie ein Wolfsrudel, suchen Kontakt und Stallgeruch. Sie zeigen die Tätowierungen auf ihren nackten Oberkörpern und die Piercings stolz her. Sie werfen sich krachend gegen die Metallwände, auf denen manchmal Videos laufen. Sie treten auf wie eine Straßenbande in Berlin, laut grölend, brutal, hormongesteuert. Die „Räuber“ sind am Schauspielhaus Bochum wieder die verstörende Bande, als die sie zu Friedrich Schillers Zeiten Furore machten. Sie sehen aus wie die Typen, denen man nachts in der U-Bahn-Station nicht über den Weg laufen möchte.

Damit holt der polnische Regisseur Jan Klata das Erstlingswerk des deutschen Klassikers deutlich in die Gegenwart. Und nicht nur das macht er richtig in seiner stark stilisierten Inszenierung. Er rückt auch den bösen Bruder Franz in den Fokus, den zu kurz gekommenen jüngeren Bruder des Räuberhauptmanns Karl Moor, der mit seinen Intrigen alles auf den Weg bringt. Die „Kanaille“, diesen furiosen Strippenzieher, zeigt Florian Lange als Schuft von Format, einen dauerschwitzenden Widerling im hellen Anzug, der seinen Vater (Andreas Grothgar) kalt in Plastikfolie wickelt, ehe er ihn lebend im Sarg verstaut, der sich von Amalia Karls Ring per Kuss aus dem Mund fischen lässt und dafür eine verdiente Ohrfeige erhält. Das wäre ja auch eine feine Deutung des Dramas aus dem Negativen, mit dem Antihelden als Spielzentrum.

Leider versucht Klata, der in den letzten Jahren eine steile internationale Karriere machte, noch viel mehr. Seine Fassung, im Text radikal gestrichen, aber immer noch fast drei Stunden lang, ersetzt Schillers Prosa oft durch kräftig aufgetragene, beinahe tänzerische Aktionen. Der Theaterfreund bekommt grelle Bilder statt einer stringenten Erzählung. Warum der edle Karl Moor Amalia (die famose Kristina Peters als Punkerbraut) tötet, seinen Genossen also den „Engel schlachtet“, das erfährt man in Bochum aus dem Programmheft.

Man hört Fragmente von Schiller und sieht eine Art Ausdruckstanz mit Amalia inmitten der Räuber, was zwar auch irgendwie geil aussieht und vielleicht die Kids an die letzte Nacht in der Szene-Disco erinnert. Aber dass der Held sich da zwischen zwei Bindungen entscheiden muss, das bleibt ungesagt.

Wenn Spiegelberg prahlt, wie er das Nonnenkloster überfallen hat, dann steht Dimitrij Schad in Bochum stumm vor einer Wand, auf die ein unscharfes Video mit aufgeputzten Frauen projiziert wird, und er führt zu dröhnendem Techno-Lärm minutenlang pantomimisch allerlei Würge-, Schlag- und Onaniergesten aus. Da denkt sich der Zuschauer mit Textkenntnis seinen Teil, und mit etwas Fantasie fallen ihm noch die wackeligen Handy-Videos aus Syrien ein.

Aber diese Übersetzung von Text in krasse Optik banalisiert Schiller: Man soll nicht nachdenken, sondern vom Bilderrausch überwältigt werden. In die Pause entlässt Klata die Zuschauer mit Videos, auf denen die unkostümierten Schauspieler „erschossen“ werden, und nach jedem Knall klatscht ein Schwall roter Farbe an eine Wand. Solches Spiel mit dem Schock ist oberflächlich und ärgerlich.

Warum bleibt Klata nicht beim Thema, bei dem Paradox, dass Karl Moor ausgerechnet als Gesetzloser seinem Bruder entgegentritt, der das Recht missbraucht? Die Inszenierung bietet dem Besucher zwar viele Bilder, aber dafür wenig genuin Theatralisches. Ganz selten richten die Schauspieler die Dialoge an ein Gegenüber, oft stehen sie und deklamieren ins Publikum.

Die Räuber erscheinen nicht nur äußerlich als Kollektiv, aus dem sich Karl (Felix Rech) kaum abhebt, sie sprechen auch oft als Chor wie in einer antiken Tragödie. Die Bühne (Ausstattung: Justyna Lagowska) besteht aus einem sakral anmutenden Raum mit einer Wand aus Röhren hinten, den seitlichen Blechwänden für die Videos und gleichmäßig verteilten Lichtstelen, an denen gern getanzt wird als seien es Table-Dance-Stangen.

Viel Geschwitze, Gebrüll, Gehaue. Zu wenig Schiller.

8., 17.3., 7., 29.4.,

Tel. 0234/ 33 33 55 55, www. schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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