Per Kirkeby im Museum Küppersmühle Duisburg

+
Vertraut und fremd: Per Kirkeby: Ohne Titel (2012), zu sehen in Duisburg. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ DUISBURG–In das Gemälde ohne Titel von Per Kirkeby taucht der Blick ein wie in eine Landschaft. Der weißgelbe Bereich unten in der Mitte könnte ein Bach oder ein Teich sein, in dem sich die Sonne spiegelt. Oben gibt es ein gelbes Echo, vielleicht eine Lichtung. Sind wir im Wald? Oben links gibt es, wie auf die Malerei gezeichnet, eine Figuration, die ein Baumstamm sein könnte. In diesem Bild fühlt man sich im einen Moment daheim und im nächsten wieder fremd. Es sieht irgendwie nach Natur aus. Und verweigert doch die Abbildung.

Das Werk ohne Titel aus diesem Jahr ist im Museum Küppersmühle in Duisburg zu sehen. Das Haus zeigt eine Werkschau mit rund 80 Exponaten von den 1960er Jahren bis in die Gegenwart. Der Titel „Per Kirkeby – Maler – Forscher – Bildhauer – Poet“ zeigt den großen Anspruch des 1938 geborenen dänischen Künstlers, der arbeitet wie ein Universalgenie der Renaissance. Der promovierte Geologe erkundete auf Forschungsreisen Grönland, die Arktis, Mittelamerika, ehe er sich der Kunst und der Literatur zuwandte. Frühe Werke in der Schau zeigen überarbeitete Landkarten. Schwarz-Weiß-Fotografien von der Grönland-Expedition verweisen auf Inspirationen im malerischen Werk: Die schroffen, unregelmäßigen Blöcke einer Felswand. Die All-Over-Struktur einer Geröllhalde. Skizzen und Modelle dokumentieren sein architektonisches Schaffen, zum Beispiel gibt es ein Bronzemodell seines Mahnmals für die Synagoge in Paderborn und eins für seine Backsteinskulptur für die Skulptur-Projekte in Münster.

Kirkeby bewegt sich zwischen den Kunstrichtungen und den Genres. Auf den ersten Blick sind die großformatigen Gemälde gestische Abstraktionen. Die älteren Arbeiten sind noch von gedeckten, stumpfen Farben geprägt. Die Bilder der letzten Jahre hingegen trumpfen mit kräftigen Primärfarben auf. Eine Zwischenform stellt vielleicht „Wut“ (2006) dar, bei dem breite Farbflächen noch einmal mit feinen Scharffuren und Lineaturen in grellen Leuchttönen überarbeitet wurden. Aber bei längerem Hinsehen entdeckt man in vielen Bildern Gegenständliches. In frühe Gemälde arbeitete er Pilzformen ein. Ein Querformat ohne Titel (2006) scheint eine offene Hausform zu zeigen, eine Ruine vielleicht. Auf „Gammelbo“ (2009) entdeckt man einen Fisch wie aus einem niederländischen Stillleben. Und in mehreren neueren Gemälden liegt eine Vase oder Urne herum. Manche Gemälde wirken wie Collagen dadurch, dass auf die durchgemalten Partien zeichnerische Strukturen aufgesetzt sind. Eins der neuesten Bilder, das vier Meter hohe „Laokoon“ (2011), bezieht sich auf die griechische Mythologie und zeigt die tödlichen Schlangen ohne ihre menschlichen Opfer.

Kirkeby hätte auch Teil der Pop-Bewegung werden können. Zum einen, weil er sich von Comics anregen ließ – in Duisburg sieht man ein Heft von „Tim und Struppi“ („Im Reich des schwarzen Goldes“) und das Gemälde, in dem Kirkeby die Bogenform des Titelblatts und die Strukturen der Wüstenlandschaft zitiert. Er hat selbst Comics gezeichnet, da wiederum im Stil von Hal Foster („Prinz Eisenherz“). Aus Zeitschriftenfotos schuf er Collagen im Pop-Stil. Und er entwarf Plakate für politische Veranstaltungen („Frihedens Vaerksted“) ebenso wie zu Godards Film über die Rolling Stones und eigene Ausstellungen. Buchumschläge gestaltete er. All das findet man in der Schau, sogar die seltsamen Filme, in denen er Fernsehübertragungen vom Wintersport oder eine Naturdoku über Vögel vom Fernsehgerät abfilmte. Den technischen Qualitätsverlust kann man als frühe, unfreiwillige Form von Abstraktion ansehen. Für Abwechslung ist gesorgt. Den breitesten Raum aber nimmt das malerische Werk ein, diese großen Bildtafeln mit ihren bezwingenden Farbgesten. Eine lohnende Begegnung.

Per Kirkeby – Maler – Forscher – Bildhauer – Poet im Museum Küppersmühle, Duisburg. Bis 28.5., mi 14 – 18, do – so 11 – 18 Uhr, Tel. 0203 / 30 19 48 10, www. museum -kueppersmuehle.de,

Katalog, Wienand Verlag, Köln, 29 Euro

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare