„Kinski. Vermächtnis“: Buch erinnert an den Schauspieler

+
Klaus Kinski mit Tochter Nastassja 1971 in München bei einem Picknick. ▪

Von Achim Lettmann ▪ Kein Bild, in dem nicht Klaus Kinski zum Mittelpunkt wird. Die großen leuchtenden Augen, die breiten sinnlichen Lippen, mal mit dramatischem Ausdruck, mal so ruhig, dass der Sturm dahinter jeden Moment losbrechen konnte. Der Schauspieler Klaus Kinski verkörperte die Unsicherheit und das Unverhersehbare in der Unterhaltungsbranche der Bundesrepublik Deutschland. Heute vor 20 Jahren starb Klaus Günter Karl Nakszynski in Kalifornien. Am 18. November 1926 war er in Zoppot (bei Danzig) im heutigen Polen zur Welt gekommen.

Ob als Koks-Charly, Krischna oder Butler, in den Edgar-Wallace-Verfilmungen bannte Kinski die TV-Nation mit jeder Bewegung: „Der Zinker“, „Der schwarze Abt“ usw. Solche Nebenrollen haben seine Bühnenpräsenz aber nur erahnen lassen. In den frühen 60er Jahren war Kinski bereits ein Star und international umworben. Wegen seines egomanischen Profils und seinem Hang zum Skandalösen ist er auch heute noch jungen Leuten ein Begriff. Auf dem Internet-Portal YouTube wird Kinski geklickt: „Wutausbrüche (Remix)“ und „Seine besten Ausraster“.

Es gibt, dem Verlag Edel: Books (Hamburg) sei dank, einen anderen Zugang zu Klaus Kinski. Das Buchprojekt fällt auf, so privat sind die Fotografien, so authentisch die Briefe, so sorgsam sind die Autografen des Künstlers abgedruckt. Das haben Peter Geyer und OA Krimmel gestaltet und kommentiert. Kinskis Nachlassverwalter und der Artdesigner, der seit zehn Jahren Gedichtbände und Rezitationen produziert, bieten „Kinski. Vermächtnis“. Es ist eine Materialsammlung und Biografie, die das Leben und Werk eines Nonkonformisten so enthusiastisch ausbreitet, als ob man ihn neu entdecken müsste. Ein gelungener Kunstgriff.

Schnell wird klar, dass Kinski mehr ist als das Bild, das die Medien von ihm gezeichnet haben. Oder besser: das er mit Hilfe der Medien von sich gezeichnet hat. Das Kapitel „Licht und Schatten einer Selbstkontrolle“ gilt programmatisch für „Kinski. Vermächtnis“. Denn Kinski brauchte Aufmerksamkeit – um jeden Preis. Bereits zu seinen ersten Bühnenauftritten Ende der 40er Jahre in Berlin, schreibt er eigene Beurteilungen („Telegraph“) und sammelt sie mit Kritiker-Meinungen. In seiner Zeit gab es noch keine PR-Agenturen. Kinski übernahm die Eigenvermarktung, um sich öffentlich zu behaupten. Er betrieb diese Selbstinszenierung sogar noch in den 70er Jahren, als er längst Millionen verdient hatte. Hans Hellmut Kirst („08/15“-Trilogie) bezahlte er, weil der Autor im Klappentext zu Kinskis Biografie „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“ einen Vergleich zu Arthur Miller wagte. Kinski brauchte kein Geld, er brauchte Anerkennung, Liebe und Kontrolle. Denn wenn ihm die Kritiken nicht gut genug waren, erfand er Stimmen, die ihm von unvermuteter Seite her huldigten, wie „Gertrud von Freisleben“. Diese Adelige kommt in seinen Programmheften immer wieder im O-Ton vor, obwohl sie sich als Person nicht nachweisen lässt, wissen die Autoren von „Kinski. Vermächtnis“. Kinski will spielen, inszenieren, produzieren, beherrschen. „Er brennt“, wie immer wieder zu lesen ist. In Berlin reißen sich die Leute um ihn. Die Theatersäle sind überfüllt.

Über seine Produktion „Raskolnikow“ bricht er zusammen, kommt ins Krankenhaus, erschöpft sich. 1950 in München wechselt er in einem Monat 38 mal das Zimmer. Seine innere Unruhe ist so groß, dass ihn die enge Behausung bedroht. Er zerschlägt das Mobiliar, wirft es aus dem Fenster, um mehr Platz zu haben. Kinski ist immer am Limit.

In Berlin will er 1950 „Romeo und Julia“ nachts am Kreuzberg von 23 Uhr bis 3 Uhr morgens inszenieren. Unter den bis zu 1000 Statisten sollen 300 südländisch aussehende Frauen sein. Das wird nichts.

Kinski wird ins Irrenhaus eingewiesen, wo ihn sein Bruder wieder rausholt – rettet. „Es war die letzte Abteilung der Hölle, aber ich bin dankbar für alles, was mit mir war, denn nur das furchtbarste Leid gibt uns die Fähigkeit des Ausdrucks“, schreibt er. Und Kinski dichtet, er entwirft neue Produktionen französischer Stücke, wie Jean Cocteaus „La voix humaine“, das von der Besatzungsmacht verboten wird. Oder „Die Schreibmaschine“ (1947) – Kinski in einer Doppelrolle. Von 1945 bis 1961 tritt er in Theaterhäusern auf, rezitiert. Er ist ein ganz frühes Idol der Nachkriegsjugend, die auch auf der Bühne die alten Visagen nicht mehr sehen will.

Nach einer zehnseitigen Geschichte im „Spiegel“ 1961 ist er als Schauspieler geadelt und dreht fortan oft zehn, fünfzehn Filme im Jahr. In dem Buch ist er 1968/69 auf Fotos mit vier verschiedenen eigenen Rolls Royce abgelichtet. Seine Töchter Pola und Nastassja sind zu sehen, Frau Ruth und seine dritte Liebe Minhoi Loanic in Rom.

Zeichnungen von Kinski sind im „Vermächtnis“ abgedruckt, drei Erzählungen und ein langes Gedicht. Man kann sich das Schaffen eines Ruhelosen vor Augen führen. Dabei geht er großen Regisseuren aus dem Weg. Angebote von Pasolini, Visconti, Russell, Cavani und Fellini schlägt er aus. Er erträgt keine Anweisungen. Werner Herzog wird es später merken. Aber gerade Filme wie „Aguirre, der Zorn Gottes“ (1972), „Nosferatu“ (1978), „Woyzeck“ (1979) und „Fitzcarraldo“ (1981) haben Kinskis cineastischen Ruhm gefestigt.

Der Kritiker Walter Karsch schrieb 1949 im „Tagesspiegel“, dass das junge Schauspieltalent die „Zucht durch Regiegrößen“ brauche. Kinski wich dem aus, dreht Militärklamotten, Karl-May-Filme, zweitklassige Krimi- und Horrorfilme in Italien und den USA. Nur Clint Eastwood entging am Ende seinen Schimpftiraden auf die Schauspielzunft. In dem Italowestern „Für ein paar Dollar mehr“ (1965) war Kinski den Hauptdarstellern Eastwood und Lee van Cleef zugeordnet. Im internationalen Kino sollte Kinski in der zweiten Reihe bleiben.

Peter Geyer, OA Krimmel: Kinski. Vermächtnis. Edel: Books, Hamburg. 400 S., 500 Bilder. 49,95 Euro

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare