Kinofest Lünen zeigt Moritz Bleibtreu in „Die dunkle Seite des Mondes“

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Was treibt Urs Blank? Moritz Bleibtreu spielt in dem Thriller „Die dunkle Seite des Mondes“, zu sehen in Lünen.

LÜNEN Moritz Bleibtreu ist ein vielbeschäftigter, auch international gefragter Schauspieler („The Cut“, „Inside Wikileaks“), aber zentrale Rollen in erfolgreichen Filmen übernehmen mittlerweile andere. Das 26. Kinofest Lünen eröffnet heute Abend mit Bleibtreus neuem Film „Die dunkle Seite des Mondes“. Bleibtreu, der als Kleinganove in „Knockin’ on Heaven’s Door“ (1997) entdeckt wurde, spielt hier einen Wirtschaftsanwalt, der nicht zimperlich ist, wenn es um Fusionen in der Pharmabranche geht.

Der Chef der übernommenen Firma begeht vor seinen Augen Selbstmord, und Urs Blank spürt, dass dieser Gewaltakt mit ihm zu tun hat. Er muss was ändern.

Wandelt sich ein Saulus zum Paulus? Nach dem gleichnamigen Roman von Martin Suter aus dem Jahr 2000 hat Stephan Rick einen Thriller gedreht, der aus dem blau-kaltem Licht einer Geschäftsstadt in die Waldeinsamkeit eines Mittelgebirges wechselt. Hier folgt Urs Blank einem Wolf, der ihn durchs Dickicht zu einem Markt führt, wo der Suchende Lucille kennenlernt. Sie trägt ein T-Shirt mit dem Pink-Floyd-Cover zu „Dark Side of the Moon“. Das Erzählmotiv des Helden, der geführt wird, ohne zu wissen, von wem und wohin, erinnert an deutsche Märchen, aber auch an die Helden der deutschen Romantik-Literatur. Wichtig für den Film „Die dunkle Seite des Mondes“ ist aber vor allem die Frage, was treibt Urs an. Ist es der Schock, den der Selbstmörder bei ihm ausgelöst hat, oder sind es halluzinogene Pilze, die Urs mit Lucille in einer Hippie-Session gekaut hat. Denn eins ist klar, und das merken auch seine Frau, Freunde und Geschäftspartner: Das Wesen des Anwalts ändert sich.

Selbsterkenntnis, Gewissensbisse und Sinnsuche werden ganz auf Moritz Bleibtreu zentriert. Sein neuer Auftraggeber, gespielt von Jürgen Prochnow, ist ein Jäger, der zu Filmbeginn einen Wolf erlegt hat. Nicht nur die Symbolik des mythischen Tiers liegt auf der Geschichte, bald wird der Anwalt zum Gejagten, denn die Folgen seiner rabiaten Gewaltausbrüche („Ich bin nicht mehr bei mir“) machen ihn selbst angreifbar.

Regisseur Rick kommt bei der Inszenierung an Klischees nicht vorbei. Die Figuren stecken in einem Typensystem: Prochnow als eiskalter Profitmacher Pius Ott („Kommen Sie mir nicht in die Quere!“), Urs Frau (Doris Schertzmayer) als nüchtern adrette Fotografin („Geh jetzt, Evelyn“), Lucille (Nora von Waldstätten) als freigeistige Muse mit Drogenerfahrung („Warst Du schon mal in Mexiko?“) und Joe (André Hennicke) als Pilz-Guru („Schmecken scheiße, aber die Wirkung ist magnific“). Catharina Junk und Stephan Rick (Drehbuch) setzen auf kurze Dialoge. Vieles klingt bedeutungsvoll, bleibt aber blutleer.

Dass ist vor allem für Moritz Bleibtreu ein Nachteil, der eine Figur im Wandel zeigen soll. Urs („Bäume ziehen mich an“) sucht nach dem Pilz, um ein Gegenmittel zu finden. Die Wirtin in einer Gaststätte schiebt ihm ein Buch zu, ein schwarzer Hund – kein Wolf – führt ihn zu einer Höhle, und im Chefbüro der übernommen Firma stößt er auf eine Studie, die belegt, dass das neue Medikament Leberkrebs auslöst. Weshalb dann noch eine Fusion? Dass sein Auftraggeber nur am Profit Interesse hat, bringt die Partner auseinander. Moritz Bleibtreu bewegt sich wie ferngesteuert durch Firmenetagen, Lofts und Waldlichtungen. Die Innenseite des gestrauchelten Helden („Ich fühle mich wie aus einem Koma erwacht“) ist nicht spürbar, vielmehr bietet Bleibtreu eine Spielfigur, die zum Irrläufer wird und keine konturstarken Identitäten mehr bietet, ob als Geläuteter, als Neustarter oder als Einsiedler. Ein großer Schauspieler ist Bleibtreu nicht.

Urs Blank kann die Kampfzone nicht mehr verlassen, da seine Aggressionen bereits Menschenleben gefordert haben. Regisseur Rick blendet die Gewalt schlagartig ein, und setzt dabei auf eine Schockdramaturgie, wie sie in US-TV-Serien („House of Cards“, „The 100“) zu finden ist. Die Spannung wird gehalten, aber über das Erkenntnisniveau, was wird als nächstes passieren, kommt der Thriller trotz moralischer Momente nicht hinaus. Zu konstruiert sind die Erzählspuren, zu routiniert wird immer wieder auf den Gegensatz Stadt und Natur geschnitten. Die Kameraarbeit von Felix Cramer und Stefan Ciupek wechselt von perfekten Wohn- und Bürointerieurs zu schön sortierten Waldansichten. Auch die finale Jagd ist vorhersehbar. Wer ist wohl der Wolf?

Kinofest bis 15. 11.; Tel. 01805/24 63 96 (14 Cent/Min. aus Festnetz); www.kinofest-luenen.de

Quelle: wa.de

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