Kinofest Lünen lässt intime Begegnungen zu

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Diskussionsstoff bot der zum Horror-Streifen nachbearbeitete Film „Sibylle“ mit Anne Ratte-Polle.

Lünen - Auch wenn Lünen kein Festival mit Ruhrgebietsbezug ist: Der Beitrag über den wohl bekanntesten Kulturexport der Region dürfte einer der Höhepunkte des diesjährigen Programms gewesen sein. Wer ist dieser Helge, kann man überhaupt dem Entertainer, Multiinstrumentalisten, Buchautor und Filmemacher das Geheimnis seines Erfolgs entlocken?

Von Dirk Frank

Die Regisseurin Andrea Roggon (Buch und Regie) hat ihn für ihren Debütfilm „Mülheim Texas – Helge Schneider hier und dort“ vier Jahre lang begleitet, zeigt ihn bei Proben, Auftritten, aber auch in privater Umgebung auf dem Traktor. „Es gab keine Inszenierungen oder gestellte Szenen, es wurde nur dokumentiert“, betonte Roggon im Gespräch mit dem Publikum.

Man glaubt ihr diese Authentizität gerne. Schneider zeichnet eine Art von Unberechenbarkeit aus, auf Fragen Roggons reagiert er mit ebenso überbordendem wie absurdem Sprachwitz. Sein „wackliger“ Perfektionismus, der seinen Mitspielern Äußerstes abverlangt, wurde in der Form wohl selten gezeigt.

Dabei schont sich Schneider selber nicht. Mit existenzialistischer Verve möchte er dem Publikum sein Leben zu Füßen legen. Freilich nur in Rollen, anders wird man ihn nie sehen, so das komplizierte Fazit des gelungenden Dokumentarfilms.

Wächst Europa zusammen oder ergeben sich im Zeichen von Finanz- und Staatskrisen neue Klüfte zwischen den Menschen? „Die Frauen in Europa werden sich trotz kultureller Unterschiede in ihren Bedürfnissen eigentlich immer ähnlicher“, betonte Ipek Zübert, die mit ihrem Mann und Regisseur Christian Zübert das Drehbuch für den Spielfilm „Ein Atem“ geschrieben hat.

Zwei Frauen stehen im Mittelpunkt des Mutter-Dramas. Die junge lebenslustige Griechin Elena muss Freund und Heimat verlassen, um in Frankfurt zu jobben. Sie ist schwanger, weiß aber nicht, wie und wo sie ohne Geld mit Mann und Kind leben soll. Sie verdingt sich als Kindermädchen bei den Yuppies Tessa und Jan. Das erfolgsorientierte Paar hat eine Beziehungskrise, die sich auch um Töchterchen Lotte dreht. Doch plötzlich verschwindet Lotte, und kurz danach ist auch Elena nicht mehr zu erreichen. Eine dramatische Suche quer durch Europa beginnt, an deren Ende nur ein „halbes“ Happy End steht. Jördis Triebel als Tessa verleiht dem Film, dessen Drehbuch einige Schwächen aufweist, eine eindringliche Tiefe.

Bereits mit großem Erfolg gestartete Filme wie der in einem Take gedrehte Publikumsrenner „Viktoria“ oder der Politthriller „Der Staat gegen Fritz Bauer“ liefen in diesem Jahr in Lünen. Dabei steht das Kinofest für eine familiäre Atmosphäre auch ohne Glamour und Starrummel. Bekannte Darsteller laufen dem Besucher auch ohne roten Teppich über den Weg.

Dass solche Begegnungen manchmal auch (unfreiwillig) die Qualität von Filmen kommentieren, machte Altregisseur und Juror Hans W. Geissendörfer vor. Bei der Premiere von „Sibylle“ hielt es ihn nach wenigen Minuten nicht mehr auf seinem Platz, offensichtlich gefiel ihm der Film nicht besonders.

Erzählt wird der schleichende Realitätsverlust im Leben einer Frau. Im Urlaub mit ihrer Familie in Italien wird Sibylle (gespielt von der Theaterschauspielerin Anne Ratte-Polle) Augenzeuge eines nebulösen Selbstmordes. Danach ist nichts mehr so, wie es mal war. Ihr Mann und ihre beiden Kinder verhalten sich zunehmend merkwürdig, zudem begleiten Sibylle düstere Erinnerungen an den Tod durch den Alltag.

Dass Regisseur Michael Krummenacher die dichte Atmosphäre zunehmend mit Elementen des Splatterfilms mischt, ist allerdings mehr als gewöhnungsbedürftig. Dies wollte im anschließenden Gespräch mit dem Publikum auch Schauspieler Thomas Loibl nicht verschweigen, der in „Sibylle“ den Familienvater mimt. Auf sympathisch offene Weise gab Loibl seine eigenen Probleme mit dem Film preis, der offensichtlich erst in der Postproduktion mit Farb- und Soundeffekten des Horrorfilms versehen wurde. Dass Beteiligte derart offen über die Machart eines Films sprechen, dürfte man wohl auf wenigen Filmfestivals antreffen.

Quelle: wa.de

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