Khatia und Gvantsa Buniatishvili beim Klavierfestival

+
Temperamentvoll: Khatia (links) und Gvantsa Buniatishvili im Konzerthaus Dortmund. ▪

Von Edda Breski ▪ DORTMUND–Sie hatte einen Bilderbucheinstieg: Khatia Buniatishvili bekam die Chance, von der junge Musiker träumen, als sie 2009 beim Klavierfestival Ruhr für Hélène Grimaud einspringen durfte. An diesem Abend feierte sie einen Triumph, ein rasanter Aufstieg begann. Nun war die erst 24-jährige Georgierin zum vierten Mal beim Klavierfestival Ruhr zu Gast. Das Programm, das sie ins Konzerthaus Dortmund mitgebracht hatte, war umfangreich: eine Prokofjew-Sonate, die C-Dur-Fantasie von Schumann, drei Chopin-Scherzi und Ravels „La Valse“ in einer Bearbeitung für zwei Klaviere. Dafür hatte Buniatishvili ihre um ein Jahr ältere Schwester Gvantsa mitgebracht.

Khatia Buniatishvili ist eine Pianistin mit beeindruckenden technischen Fähigkeiten; zuerst aber fällt an ihrem Spiel seine Sanglichkeit auf. Selten klingt ein Ton oder ein Akkord wirklich schroff, fast immer ist da etwas Abgerundetes. Sie lotet den emotionalen Gehalt der Musik aus, nimmt sie als Ausdruck tiefen Gefühls, dem sie ihre subjektive Färbung verleiht, ohne das Werk aus den Augen zu verlieren. Das macht sie zu einer hervorragenden Interpretin für die Romantik.

Die Schumann-Fantasie mit seinen thematischen Variationen und Verdichtungen verortet sie tief im Gegensatz zwischen Empfindsamkeit und nervösem Vorwärtsdrang. Die Themen führen in die Innerlichkeit, sie tropfen aus bis in den Beinahe-Stillstand. Dem steht eine Klangverdichtung gegenüber: Sie stürzt sich in das Vorwärtsstürmen und Innehalten im zweiten Satz. Ihre Temporückungen stehen allerdings gelegentlich eher im Dienst ihrer Virtuosität als der Integrität des Stücks. Den dritten Satz taucht sie in blasses Licht. Sie arbeitet behutsam auf die thematische Verdichtung hin. Bewundernswert ist ihre hochdifferenzierte Anschlagskultur.

Die Sonate Nr. 7 von Sergej Prokofjew ist eine der „Kriegssonaten“; 1939 entstanden, bildet sie die Auseinandersetzung des Komponisten mit dem drohenden Weltkrieg ab. Die Sonate lebt von ihrer Rhythmik, die bei Buniatishvili nicht maschinenhaft-exzessiv ist, sondern an einen zuckenden Organismus erinnert. Getrieben wirkt der langsame Satz in seiner stets weiterziehenden, stockenden, weiterdrängenden Bewegung. Auch das Finale ist eher nervös als manisch. Buniatishvili spielt das ostinato in der rechten Hand wieder als getriebenes Pochen, einen Puls, der sich allmählich verstolpert. Die linke Hand schattiert das nur so eben.

Die Chopin-Scherzi spielt sie feinfühlig, mit schillernder Tongebung und ätherischem Ausdruck  – das geht gelegentlich auf Kosten der Klarheit. In opus 31 deutet sie ein Brio an, verhält es aber sofort, spielt Tonkaskaden wie vom Winde verweht. Sie lotet ein Gefühl zärtlicher Wehmut aus. Das Scherzo opus 39 kommt fast zu artig und jedenfalls zu glatt daher, mit Linien, so weich, dass Konturen verwischen.

Beide Schwestern nehmen auf dem Podium Platz, um Ravel zu spielen. Ihr Zugang ist großorchestral bis wolkig: „La Valse“ kommt als Tonungetüm mit Walzerschlenkern daher. Die Walzermotive werden mit einem Gestus der Verschwendung musiziert, Details aber versinken im Grollen.

Insgesamt großer Jubel für die Schwestern Buniatishvili, für den sie sich vierhändig mit zwei ungarischen Tänzen von Brahms bedanken.

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare