Kettcar spielen im Dortmunder FZW

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Marcus Wiebusch (rechts) spielt mit der Band Kettcar im Dortmunder Freizeitzentrum West.

DORTMUND Marcus Wiebusch ist nicht der Frontmann, der seinem Publikum sagt, was es zu tun hat, als Wiebusch noch mit seiner Band „...But Alive“ punkrockte, und heute, wenn er mit „Kettcar“ loslegt. „Und dafür mögt ihr uns“, flachst Wiebusch im Dortmunder FZW, nur um das selbst formulierte Tabu sogleich zu brechen und um Unterstützung beim Song „Und der Tag wird kommen“ zu werben.

„Dortmund, seid ihr mit mir?“ will der charismatische Querdenker wissen und Hände streben dem Hallendach entgegen. Es ertönt der viel beachtete Anti-Homophobie-Song mit HipHop-Anleihen. Aus Prinzip dagegen – zur Not auch gegen die eigenen Prinzipien. Ein Mantra, das das Publikum verinnerlicht hat und selbst praktiziert: Es jubelt ein bisschen, Wiebusch sagt amüsiert: „Jaaaa, beruhigt euch.“ Und löst damit eine johlende Begeisterungswelle aus. Es ist ein Spiel: Jetzt erst recht, darin haben alle Übung.

Kettcar-Gigs sind – im Band-Heimathafen Hamburg wie in Dortmund – flott ausverkaufte Familientreffen. Zwar durchläuft die Fankurve Frischzellenkuren seit Songs wie „Landungsbrücken raus“ und „Deiche“ bei EinsLive gespielt werden. Aber die meisten Zuhörer sind mit Wiebusch und Co. erwachsen geworden. Um so belustigter fallen die Reaktionen auf Wiebuschs Information aus: „Wir sind übrigens jetzt Politpunks“. Die Versuche, die Band zu etikettieren, sind ebenso zahlreich wie kontrovers und reichen von „Poprock“ bis „Punk“ vom „Song für die linksalternative Blase“ (Welt) bis hin zu „Pur für Alkoholiker“, ein Emblem, das sich die Band sarkastisch einmal selbst verpasste.

Bassist Reimer Bustorff, wie Wiebusch Ex-Mitglied der Ska-Punk-Band Rantanplan, erzählt, dass die Musiker sich überlegt hätten, nicht immer gegen Dinge singen zu wollen, sondern auch einmal für Menschen, die den Glauben noch nicht verloren haben und sich engagieren. „Darauf habe ich erst einmal ‘Scheiß-Hippies’ gesagt“, übernimmt Wiebusch und stimmt „Den Revolver entsichern“ an.

Aus ihrer Vorliebe für Dortmund macht die Band keinen Hehl: „Freitag in Dortmund, das ist wie Karneval in Köln“, sagt St.-Pauli-Fan Wiebusch, nur um wenig später zum After-Show-Fußball-Schnack am Bergmann-Kiosk im Unionsviertel einzuladen. Büdchen, wie sie in Dortmund genannt würden, die fehlten eben in Hamburg, meint der 49-Jährige, der gerne vor Ort den Fall Aubameyang diskutieren möchte.

Die Loyalität zum Ruhrgebiet geht noch einen Schritt weiter: Man habe mittlerweile auch bei dem gemeinsam mit Tomte gegründeten Platten-Label Grand Hotel van Cleef eine Auszubildende aus Unna, also quasi aus Dortmund, eingestellt.

Als sich das Konzert schon längst den schlussendlichen Höhepunkten nähert, sagt Wiebusch: „Dortmund, wir sagen es euch lieber gleich – es gibt ein neues Album.“ Eher beiläufig sind einzelne Songs von der 5. Platte „Ich vs. Wir“ aufgetaucht. Auch nach fünf Jahren Kreativ-Pause bleibt man sich treu im Hinterfragen, im Fatalisieren, beim Schwelgen in Melancholie und in dem Willen, aufzubegehren. „Ankunftshalle“ kommt so gut an, dass Wiebusch ein sehr nordisch klingendes „Mensch Dortmund, du wilde Hose!“ entfährt. Ein Hamburger in Ekstase.

Der Gig in Dortmund hat alles – unaufdringliche Videoeinspielungen, Liebeslieder wie „Rettung“ und „48 Stunden“, alte Songs wie „Balu“ inklusive künstlichem Sternenhimmel und „Im Taxi weinen“, seltener gespielte Perlen wie „Tränengas im High-End-Leben“, mittelalte Gassenhauer wie „Graceland“ und neues Material wie „Benzin und Kartoffelchips“.

Karten gibt es noch für folgende Termine: 30. 1. Magdeburg; 31. 1. Dresden; 1. 2. Leipzig; 3. 2. Köln, Palladium; 5. 2. Hamburg (Zusatzshow); 8. 2. Hannover; 9. 2. Bielefeld, Ringlokschuppen.

Quelle: wa.de

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