Kent Nagano und die Wiener Symphoniker in Dortmund

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Der Dirigent mit einer intimen Analyse: Kent Nagano dirigierte die Wiener Symphoniker in Dortmund.

Von Edda Breski DORTMUND - Manchmal erlebt man im Konzertsaal eine besondere Freude: wenn Musik nicht nur als ästhetische Erfahrung angeboten, sondern als Diskurs erschlossen wird. Das Konzert, das die Wiener Symphoniker unter Kent Nagano im Konzerthaus Dortmund gaben, koppelte den Bach-Choral „Es ist genug“ mit der „Unanswered Question“ von Charles Ives und dem Violinkonzert von Alban Berg und öffnete ein Spektrum musikalischer Reflexion. Nicht nur, weil Berg den Choral in seinem Konzert zur Apotheose seiner Gedanken über Lebensliebe und Abschied macht: Das Konzert weitete die Aufmerksamkeit für Musik als persönlichen Ausdruck von Spiritualität.

Dafür nutzte Nagano den Raum: Für den Choral postierten sich die Musiker vor dem Saal, der Bläsersatz klang innen wie entkörperlicht. Ohne Pause leitete Nagano über zur „Unanswered Question“. Im Saal spielten die Streicher entrückte Liegetöne, das Blech war draußen und auf der Empore postiert. Seine Einsätze trafen das Ohr wie eine Ansprache aus unerwarteter Richtung.

Dies öffnete die Wahrnehmung für das Berg-Konzert. Vadim Repin gab seinem Part einen intimen, stets beherrschten Ton. Seine Klanggestaltung öffnete sich von traurig-versonnener Abgerundetheit zu einer fließenden Aussprache, die mit Expressivität nichts zu tun hatte, bis zum Versinken im Dialog der Solovioline mit der Bratsche, kurz bevor das Bach-Zitat auftaucht. Nagano fasste den Orchesterpart mit großer Aufmerksamkeit und behutsamer Klangbalance zusammen und brachte den abgerundeten, dunkelgoldenen Ton der Symphoniker zur Geltung. Eine intime Analyse.

Die weite Architektur von Bruckners siebter Sinfonie setzte Nagano nach der Pause in prächtige, wechselvolle Beleuchtung. Auf das raumgreifende Hauptthema im ersten Satz folgt der Übergang mit geschickt verblendeten Klangmischungen. Nagano legte Unruhen und Untiefen offen, bis der Satz gleißend zerschimmerte. Im Adagio kam er auf die persönliche Haltung der ersten Konzerthälfte zurück. Durch sorgfältige Einsätze und dynamische Differenzierung betonte er die räumliche Dimension der Musik, die sinfonische Architektur schien sich damit im Raum zu materialisieren. Das Scherzo war unter Nagano ein Spannungsfeld zwischen Welttreiben und Einkehr, das Trio eine Insel heiterer, aber nicht ungetrübter Freude; das Finale eine kraftfordernde Bündelung ausgreifender Gedankenströme.

Quelle: wa.de

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