Kent Nagano dirigiert Bruckner in Essen

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Ein Souverän der Spannungsbögen: Kent Nagano dirigiert das Bayerische Staatsorchester in Essen. ▪

Von Edda Breski ▪ ESSEN–Das eine Werk ist ein Abgesang, das andere verhalf seinem Schöpfer im Alter zu Ruhm: Mit Strauss und Bruckner begann die Saison in der Essener Philharmonie. Das Bayerische Staatsorchester war zu Gast unter seinem Chef Kent Nagano und bescherte dem Publikum einen großen Abend.

Richard Strauss‘ „Metamorphosen für 23 Solostreicher“ entstanden, als der Zweite Weltkrieg seinem Ende zuging und ihr Komponist, 1933 bis 35 Leiter der Reichsmusikkammer, mit dem Regime das Land und vor allem eine Kultur untergehen sah, wie er sie einmal gekannt hatte. Es ist buchstäblich ein Abgesang, den die bayerischen Streicher spielen. Kent Nagano, ihr Chefdirigent seit vier Jahren, bewegt sich von den ersten vollen, dunklen Takten an im Spannungsfeld zwischen einem drangvoll-schönen, tieftraurigen Erinnerungston und einem Reichtum an verstörenden Details, die der 80-jährige Komponist unter seinem gewohnten schwelgerisch-spätromantischen Gestus verbarg. Nagano lauscht der Partitur Feinheiten ab, lässt Solostimmen einander suchen, isoliert in plötzliche Stille schwingen und sich dort verlieren; lässt die Melodielinien sich reiben, Stimmen nervös hin- und herzucken. Ein Strauss durchaus mit Pathos, durchaus auch süffig gespielt, aber ohne Schwärmerei und Weichzeichner. Den Abend über wird Nagano die Bayern mit ihrem eigentlich fülligen Klang immer wieder auf die Feinheiten des Notentextes zurückführen. Zugleich erzeugt und hält er riesige Spannungsbögen, führt unerbittlich durch die Nostalgie, die angstvolle Sehnsucht und das Wüten der „Metamorphosen“ bis zum hoffnungslosen Schluss. Musik, die nachbebt.

Die zweite Hälfte des Abends füllt Bruckners siebte Sinfonie aus. Ein Bruckner der Extreme, ein gewaltiges Erlebnis: Nagano fährt die schroffen Linien der Partitur nach, verstärkt sie durch versetzte Einsätze und Akzentverschiebungen in den Phrasen. Die ständig wechselnden Motive Bruckners wirken so noch unberechenbarer, sie verschieben sich, tauchen unerwartet wieder auf, erscheinen in neuer Gestalt. Der Kopfsatz führt von einem straffen Beginn zu fast völligem Stillstand. Daraus entwickelt Nagano eine steile Spannungskurve hin zu einem gleißenden Finale. Das Adagio erklingt selten so emphatisch, so rau und intensiv. Heiter – wie der Mittelteil sein sollte – ist hier wenig. Das Scherzo und der Finalsatz explodieren beinahe in ihrer Urgewalt. Nagano arbeitet die Kontraste zwischen Ausbruch und den besänftigen Passagen heraus. Bruckners Wagner-Nähe wird deutlich. Gewaltig-ringend klingt das, und dennoch gerade im Finalsatz von einem transzendenten Tonfall geprägt.

Nagano arbeitet die Nebenstimmen heraus, betont, was häufig zugedeckt wird, und variiert immer von Neuem. Die Bruckner‘schen Melodie-Chimären hört man selten so bestürzend klar und dabei so gewaltig. Dem japanisch-amerikanischen Dirigenten ist anzumerken, dass er sich auf dem Gebiet der Neuen Musik Verdienste erworben hat. Zwischendrin werden Unkonzentriertheiten seitens des Orchesters hörbar: hier ein Holperer im Holz, da Nebengeräusche bei den Streichern.

Wunderbar die dynamische Vielfalt: Selten, aber dann bezwingend, führt Nagano sein Orchester bis an die Dezibelhöchstgrenze; der beeindruckende Sound – mit den vier vorgeschriebenen Wagnertuben – kann stellenweise sehr grob und klobig klingen, aber auch fein. Überwiegend erreicht Nagano eine beeindruckende Durchhörbarkeit. Ein klarer, oft mechanischer Puls durchzieht das Werk. Niemals zerfällt Nagano ein Satz, auch in der extremsten Verlangsamung nicht. Nichts zerfasert, nichts verschwindet. Ein extremer Bruckner – große Kunst.

Quelle: wa.de

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