Kein edler Wilder: Zum 100. Geburtstag von Tarzan

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Der Dschungelheld in einer typischen Pose: Tarzan, hier verkörpert von Johnny Weissmüller ▪

Von Ralf Stiftel ▪ CHICAGO–Der Hüne im Lendenschurz setzt den Fuß auf den toten Löwen, beugt den Oberkörper zurück und stößt seinen gellenden Schrei aus. Dieses Bild gehört zum Kernbestand der Popkultur. Tarzan, der Dschungelheld, schwingt sich vor allem als Akteur des Kinos und des Comics durch das kollektive Gedächtnis. Aber seine Karriere begann als Fortsetzungsroman in der Schundliteratur der USA, im „All-Story-Magazine“ am 27. August 1912.

Ausgedacht hatte sich den Übermenschen, der von den „Wilden“ im Dschungel so oft als Gott verehrt wird, ein Versager. Edgar Rice Burroughs (1875-1950), als Sohn eines Fabrikanten und Bürgerkriegsveteranen in Chicago geboren, hatte sich in vielen Jobs ausprobiert, war Goldgräber, Eisenbahnpolizist, Vertreter. Am Ende versuchte er sein Glück mit einer Agentur für Bleistiftspitzer. Das Geschichten-Schreiben war für ihn so etwas wie die letzte Chance. Die erste Erzählung über Tarzan war der dritte Text, den er dem Herausgeber des Magazins schickte.

Zum 100. Geburtstag von Tarzan legt der Verlag Walde + Graf eine schön gestaltete Box mit drei Romanen vor, von denen zwei erstmals ins Deutsche übertragen wurden. Hier erlebt man die Geburt des Helden, buchstäblich. Tarzan ist Nachfahre eines englischen Lords, der mit seiner schwangeren Frau mit dem Schiff nach Afrika reiste, aber von Meuterern in der Wildnis ausgesetzt wurde. Das Paar richtet sich im Dschungel ein, stirbt aber. Gerade rechtzeitig adoptiert ein Affenweibchen den verwaisten Säugling. Tarzan wächst heran, erwirbt übermenschliche Fähigkeiten und ergreift die Herrschaft über das Rudel. Er durchlebt eine private Evolution, erlernt allein mit den Büchern seiner Eltern das Lesen und kommt am Ende sogar nach England zurück, wo es ihm allerdings nicht gefällt, so dass Burroughs ihn wieder nach Afrika schicken kann – für weitere Abenteuer.

In den Büchern trifft man einen ganz anderen Helden als jene edlen Wilden, die von Johnny Weissmüller, Lex Barker und vielen anderen im Kino gespielt wurden. Da war Tarzan ein bisschen Winnetou, ein bisschen Batman, stets auf der Seite des Guten, eine Identifikationsfigur mit der jugendfreien Moral des modernen Kulturbetriebs. Im Kino unterhielt Tarzan die ganze Familie.

Burroughs aber gestaltete des Charakter vor dem Horizont des 19. Jahrhunderts ohne die Hemmungen, die sich das Hollywoodkino durch eine prüde Selbstzensur setzte, ohne Rücksichten auf modernen Jugendschutz. Bei Tarzan geht es einfach rund. Leichen säumen seinen Weg, Verbrecher morden sich durch, der Herr des Dschungels schlägt zurück. Die Moral des Kolonialismus herrscht in den Büchern, und Burroughs schildert Afrikaner und Asiaten mit der rassistischen Arroganz der Epoche. Der Neger in diesen Romanen ist schwarz, doof, verschlagen und sehr oft auch noch Kannibale. Das verschlägt dem politisch korrekt gestimmten Leser schnell den Atem. Und so sehr Tarzan auch die wilden Tiere vor dem Zugriff von verbrecherischen Großwildjägern schützt – Greenpeace hätte keine Freude an ihm gehabt. Zu den Pflichtauftritten in jedem Roman gehört, dass Tarzan mit nichts als einem Messer einen angreifenden Löwen zur Strecke bringt. Im Erstlingsroman, den die meisten Kritiker für den besten halten, erlegt der Held sogar eine Raubkatze, um eine frivole Wette zu gewinnen. Dabei betont Burroughs sonst stets, dass Geld Tarzan nichts bedeutet.

In einem liebevollen Essay in der Kassette betont der Kulturtheoretiker Georg Seeßlen, dass Burroughs eine mythologische Figur erfunden hat. Und so sehr er auch an Vorbilder anknüpft – man denke an den Wolfsjungen oder an Mowgli aus Kiplings „Dschungelbuch“ –, so egal war ihm die Wirklichkeit. Burroughs war nie in Afrika. Seine Schilderungen der Natur strotzen vor Unwahrscheinlichkeiten und Fehlern. So erfand er eine eigene Art von fleischfressenden Menschenaffen, so dass Tarzan – ein weiterer Running Gag – in jedem Buch zum Entsetzen seiner europäischen Begleiter sein Fleisch roh und unter lautem Knurren verzehrt.

Burrough schrieb, um Geld zu verdienen, viel Geld. Darum versetzte er seinen Helden in jede Umgebung, die er für leserwirksam hielt. Tarzan kämpft gegen Nazis, Kommunisten, Nachfahren der Inkas, die es nach Afrika verschlagen hat, sogar im Inneren der Erde gegen Urzeitmonster, Jules Verne lässt grüßen. Man erkennt leicht die Stereotypen und Versatzstücke, wenn man die Bücher liest. Burroughs war kein großer Stilist, aber ein mitreißender Erzähler. Leichthändig entwickelt er seine Geschichten, stets in mehreren parallelen Handlungssträngen. Er schreibt, perfekt für den Abdruck in Fortsetzungen, in kurzen Kapiteln, die immer mit einem Cliffhanger enden: Das Löwenweibchen drängt sich durch das morsche Fenster einer Hütte auf die panische Jane zu. Eine Kugel trifft Tarzan am Kopf. Der Kannibale zückt das Messer über der verzweifelten Engländerin. Szenenwechsel. Das hält Leser bei der Stange.

Der Reiz dieser Romane liegt gerade in ihrer ungeglätteten Wildheit. Man sollte sie als Zeitzeugnisse lesen, in denen einer hemmungslos seiner Fantasie die Zügel schießen lässt. Zuweilen blitzen feine Wahrheiten auf, zum Beispiel in Tarzans Verachtung des jungen Kapitalismus. Dann wieder ironisiert Burroughs die Affektiertheit der britischen Oberschicht in Gestalt von Mrs Penelope Leigh, die ständig von „dieser Tarzan-Kreatur“ gerettet wird, aber ebenso ständig von ihrem überforderten Gatten, dem Colonel, verlangt, er solle die Dinge endlich regeln. Ganz groß aber wird Burroughs, als er in „Tarzan und der Verrückte“ das Ende zweier Gangster schildert, die in der Wildnis verdursten, weil sie das erbeutete, schwere Gold nicht tragen, aber auch nicht loslassen können.

Drei Romane des Dschungelhelden, zwei erstveröffentlicht, mit kongenialen Illustrationen von Patric Sandri liebevoll ausgestattet: Edgar Rice Burroughs: Tarzan bei den Affen, Tarzan und die Schiffbrüchigen, Tarzan und der Verrückte., Deutsch von Ruprecht Willnow, Marion Hertle, Stephan Pörtner. Mit einem Essay von Georg Seeßlen. Verlag Walde + Graf, Zürich. 620 Seiten, 26,95 Euro.

Quelle: wa.de

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