„Der Kaufmann von Venedig“ überrascht in Münster

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Wird Blut fließen? Portia (Sandra Bezler, von links), die Liebe (Carola von Seckendorff), Shylock (Christoph Rinke) und Antonio (Christian Bo Salle) mit Messer in der Münsteraner Inszenierung „Der Kaufmann von Venedig“.

MÜNSTER - Eine digitale Küchenwaage und stylische Sushi-Messer hat Shylock zur Hand. Damit will er seinem säumigen Schuldner Antonio wie vereinbart ein Pfund Fleisch aus den Rippen schneiden. Mit seiner atavistischen Forderung fordert der Jude die seidenglatte Welt der Broker heraus. Vom Verdacht der Judenfeindlichkeit hat sich Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ nie ganz überzeugend befreien können.

Gerade Deutschland tut sich daher schwer mit einer Inszenierung des Stücks. Am Theater Münster probiert es Stefan Otteni jetzt mit einer provokanten Dekonstruktion. Er streicht, verändert, fügt hinzu, sodass die verstörenden Elemente der Tragikomödie größeres Gewicht erhalten.

Otteni verlegt den Kaufmann ins Milieu des modernen Kapitalismus. Drei Räume hat er dazu auf der Bühne verzahnt. In edlen Zwirn gehüllt, verhandeln die Kaufleute und Geldverleiher verhandeln auf einem nüchternen, von unten beleuchteten Glasplattenboden (Bühne: Peter Scior, Kostüme Sonja Albartus). Dahinter dreht sich ein muschelförmiges Riesensofa, in dem die Millionärstochter Portia und ihre reichen Freunde einem Post-Hippie-Lifestyle frönen. Unter dem Glasboden: das mit orientalischen Pop- und Filmpostern überdekorierte Teenagerzimmer von Shylocks Tochter Jessica.

Shakespeares Text fügt sich durchaus in diese Szenerie. Vor allem, wenn er ironisch sein will, verlässt sich Otteni aber lieber auf einen aktuellen Sprechduktus. Da ist dann die Rede von Designer-Unikaten, Familiennachzug und Rücküberführung. Einen Teil der Nebenrollen hat der Regisseur gestrichen. Dafür hat er seinen verbliebenen Protagonisten die Personifikation der Liebe an die Seite gestellt. Sie flüstert ihnen Text ein, kommentiert ihre Handlungen, schiebt sie in Position.

Diese Liebe, gespielt von Carola von Seckendorff, präsentiert außerdem die entscheidende Neufassung in Münster – der Einschub „Die Fremden“, einer Szene aus einem Arbeitsmanuskript von Shakespeare. Darin versucht Thomas Morus, einen Aufstand in London gegen Fremde und Flüchtlinge aus Flandern und Frankreich zu verhindern. Die Rede des Humanisten bettet Otteni in einen inszenierten Eklat. Bei der Kästchenprobe lässt er den Prinzen von Marokko konsequent arabisch sprechen, bis gut platzierten Akteuren im Zuschauerraum scheinbar der Kragen platzt. Lauthals skandieren sie „Sprich deutsch“. Der Prinz – gespielt von einer Frau, Zainab Alswah – antwortet mit Bruchstücken aus dem Monolog des Shylock: „Warum verspottet ihr mich? Habe ich keine Hände, Gliedmaßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften?“ Seckendorff ermahnt die Aufgeregten mit den Worten von Morus: „Wonach ihr schreit, zerstört ihr gerade selbst.“

Mit der gelungenen Irritation korrespondiert die sehr fokussierte Gerichtsszene. Hier bleibt die Inszenierung dicht am Original, verzichtet weitgehend auf Requisiten und bezieht die Spannung aus den unterschwelligen Emotionen der Darsteller. Dagegen verflachen die komischen Nummern. Die Kästchen suchenden Prinzen aus Hannover und Kasachstan agieren wie Sit-Com-Derivate; die Entführung Jessicas gibt Gelegenheit zum Auftritt von drei „Hava Nagila“ schmetternden Drag-Queens – eine Anspielung auf das frei liebende, aber fremdenfeindliche Venedig des 16. Jahrhunderts. Zudem ziehen die pastoral vorgetragene Weisheiten der Liebe einiges in die Länge.

Carola von Seckendorff spielt das mit einer auf die Dauer enervierenden Lehrerinnenhaftigkeit. Dafür entschädigt ihr eindringlich vorgetragener Appell zugunsten der „Fremden“. Sandra Bezler ist eine bissige Portia, an den richtigen Stellen überdreht und in der Lage, Shakespeares Text modern atmen zu lassen.

Hinter distanzierten kaufmännischen Fassaden lassen Christian Bo Salle und Christoph Rinke den gegenseitigen Hass des Christen Antonio und des Juden Shylock spürbar werden. Nuanciert und überzeugend leiden beide an unerfüllter Liebe – Antonio zu seinem Freund Bassanio, Shylock zu seiner abtrünnigen Tochter Jessica. Und die ekelhafte Häme, mit der Shylock von Antonios Freunden überschüttet wird, machen seine Unbarmherzigkeit gegenüber dem Kaufmann mehr als verständlich.

Anke Schwarze

16., 18., 24. 11.; 1., 8., 13., 14., 30. 12.; 12., 14. 1. 2018; 10., 17., 25. 2.; 13., 17. 3.; 10. 4.;

Tel. 0251 / 5909 100;

www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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