Katharina Thoma inszeniert in Dortmund Händels Oratorium „Saul“

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Das Volk bedrängt David: Szene mit Ileana Mateescu und dem Opernchor des Theater Dortmund in dem Händel-Oratorium „Saul“.

Von Edda Breski Dortmund - In der Inszenierung des Händel-Oratoriums „Saul“ an der Oper Dortmund gibt es eine Leerstelle, eine ziemlich offensichtliche: Gott fehlt. Er ist zwar die treibende Kraft aller Vorgänge in der biblischen Handlung, aber es gibt ihn nicht.

Stattdessen gibt es einen Schwarm, dessen Intelligenz zwar anzuzweifeln ist, der aber trotzdem die Handlungen anstößt, denn er verleiht Macht und nimmt sie wieder. Gott ist also, im Extremfall, das Volk. Katharina Thoma inszeniert um das Gottes-Thema herum, indem sie die Macht mit dem Volk Israel verknüpft. Dazu hat sie kluge Gedanken, die „Saul“-Aufführung ist auf verschiedenen Ebenen sehr interessant, aber ausdrücklich kein großes Bibel-Theater, sondern eher Minimal-Regie.

Während des Vorspiels beginnt die Geschichte, die so in der Bibel steht. Gott gibt dem Volk Israel einen Herrscher. Saul aber verbirgt sich. Das kann man aus zahlreichen theologischen Winkeln betrachten, oder man stellt eben die Machtfrage. Beides ist nicht weit voneinander entfernt. Thoma bewegt den Opernchor Dortmund als Volk in schwarzer Kleidung, mit Kappen auf dem Kopf (Kostüme: Irina Bartels), unruhig über die Bühne. Saul soll ihr Retter sein, aber er lässt sich nur widerwillig in Weiß kleiden. Ein weißes Podium mit einer Art Baldachin hebt ihn aus dem Volk hervor (Bühne: Sibylle Pfeifer). Die Krone ist Saul ein Stück zu groß. Damit deutet Thoma an, was Händel wusste und was in der Bibel steht: Saul wird kein glücklicher König, denn die Macht ist nicht mit ihm. Zwar gibt es den Hohepriester, der sein eigenes Süppchen kocht; Hannes Brock serviert auch als Faktotum den Tee und übernimmt später die Hexe von Endor. Die Religion, so Thomas These, ist stark, aber auch ihre Vertreter können nicht ohne das Volk. Das wiederum hüllt sich per Selbst-Investitur in Barockkleidung und feiert in einem Menuett sich selbst.

Dortmunds Opernchor hat die Hauptrolle. Unter Granville Walker haben sie an einem variantenreichen, bis in die Tiefe klaren Klang gearbeitet. Besonders hörenswert ist die Klage des Volks Israel nach der Niederlage gegen die Philister, die die Dortmunder mit verschatteten, immer differenzierten Tönen singen.

David trifft auf eine Familie, in der vieles im Argen liegt. Ileana Mateescu singt ihn mit dunklen Timbre, manchmal gläsern. Merab weigert sich, den Töter Goliaths zu heiraten. Ihre Emporkömmlings-Arroganz nimmt Sauls Wahn vorweg. Tamara Weinreich zeigt das mit hysterischen Koloraturen. Michal, die Julia Amos mit überwiegend weichen Tönen als sanfte Frau zeigt, liebt David. Auch Jonathan wird von feurigen Gefühlen für David ergriffen. Thoma lässt beide mit kleinen Gesten andeuten, was Jonathan meint, als er David den „Liebling seiner Seele“ nennt. Lucian Krasznec vereint noblen Ton und Leidenschaft in einem anrührenden Rollenporträt.

Die Familie, zeigt Thoma, könnte sich finden, denn auch Merab sehnt sich nach einem Retter, aber Sauls Eifersucht lässt das nicht zu. Christian Sist ist schon körperlich beeindruckend in der Rolle. Aber er beeindruckt auch gesanglich. Er kann edel klingen, aber auch schnell in Wahn umschlagen, dabei bietet er immer einen schönen, runden Ton. Natürlich kann man sich einen expressiveren Saul vorstellen, aber Sist verortet die biblische Figur in menschlichem Gefühl.

Beim Zuschauen muss man auf Details achten, zum Beispiel als Saul Jonathan einmal leutselig zur Seite nimmt. Er schenkt ihm Whisky ein, gerade als er von Vergebung singt, dabei wirkt er wie ein Pate, der finstere Pläne ausheckt. Anderes ist nicht so subtil. Es ist allerdings kompliziert, ein Oratorium zu bebildern, ohne beim visuellen Kommentar hängen zu bleiben. Es gibt wenige Personenentwicklung, und die Affekte sind klar definiert. Thomas Ansatz der minimalen Brechung ist daher klug gewählt. Nur streckenweise fällt ihr nicht so viel ein, da wirkt das Bühnengeschehen wie eine biblische Dokufiction: Seht, da sitzt der bescheidene David auf seinem Schaffell. Aber an entscheidenden Stellen schlägt Thoma interessante Ansatzpunkte vor. Die Hexe von Endor beschwört den Propheten Samuel aus der Unterwelt hervor. Ein purer Theatermoment: Saul liegt am Boden und wird vom gestrengen Anderweltlichen per Videozuschalte auf den Tod vorbereitet.

Aus dem Orchestergraben hört man dazu finstere Holzbläser. Motonori Kobayashi setzt die Partitur mit den Dortmunder Philharmonikern und Gastspezialisten geradlinig um, sorgt bei Bedarf für üppigen, teilweise monochromen Klang. Musikalisch hat man in Dortmund ein gutes Mittelmaß gefunden, um das Oratorium in das große Haus zu übertragen.

8., 17., 24. Mai, 18., 20, 26. Juni; Tel. 0231/50 27 222

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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