Katharina Grosse im Albertinum Dresden

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Die Skulptur von Katharina Grosse, „o. T., 2015“ (Acryl auf Holz und Aluminium) ist im Dresdener Albertinum zu sehen.

DRESDEN - Inmitten der Kabinettausstellung „Deutscher Wald“ liegt eine Skulptur der Künstlerin Katharina Grosse, die eigentlich das Format der Bilderschau im Dresdener Albertinum sprengt. Ein gekürzter wie halbierter Stamm steht diagonal in der Luft mit den krausen Wurzelenden nach oben. Das bizarr präsentierte Rumpfstück eines Baumes ist von flächigen und heterogenen Teilstücken umschlossen, die mit ihrer faltigen Struktur an Schnittflächen und Verarbeitungszuständen des Materials Holz erinnern. Was ist hier geschehen?

Grosse schafft eine neue dramatische Dimension. Sie weckt durch den Überrest eines Baumes die Naturassoziation und problematisiert das Thema Wald mit einer mehrteiligen Installation als ökonomische Indienstnahme. Gleichzeitig scheint die Farbe aus der Sprühpistole der Künstlerin die plastische Autonomie dieses Arrangements gar zu verleugnen. Ob Violett, Blau, Orange oder Gelb, die grellen Farbtöne changieren auf dem dreidimensionalen Untergrund und strapazieren das tradierte Kunstsujet vom Wald darüber hinaus. Was ist hier noch „deutscher Wald“?

Irgendwie erscheint „o.T., 2015“ wie ein Paradoxon, so stark und divergierend ist der künstlerische Zugriff, den Grosse vornimmt. So authentisch die Naturform des Baumes auch sein mag, der Farbauftrag als technischer Arbeitsprozess distanziert sich vom Material Holz und seiner Kultur. Darüber hinaus erprobt Katharina Grosse mit ihrer Arbeit die historischen Auffassungen, die die Ausstellung „Deutscher Wald“ mit den zehn Gemälden bietet. Der Künstlerin, 1961 in Freiburg geboren und in Bochum aufgewachsen, gelingt ein großartiger Widerspruch. Grosse zählt zu den bedeutendsten zeitgenössischen Malerinnen weltweit. Sie lehrt als Professorin an der Kunstakademie Düsseldorf.

In Dresden sind Bilder aus der Romantik und des Realismus im 19. Jahrhundert zu sehen. Man könnte sagen, damals ging es dem Wald noch gut. Er war die Gegenwelt zur Industrialisierung, stiftete der jungen Nation deutsche Identität und eine verklärte Eigenständigkeit, die noch aus den Freiheitskriegen rührte. Beispielsweise findet sich in Eduard Leonardis „Waldeinsamkeit“ (1887) ein Naturschauspiel für den geplagten Städter. Über die Sandsteinfelsen im Gemälde öffnet sich ein weiter Horizont. Der Verlauf eines Baches führt in die Tiefe, die das Innere des Betrachters berührt, und im Detail strahlen frisches Blattgrün ebenso vital wie ein Eichelhäher.

Das realistische Gemälde von Ferdinand von Rayski konturiert ein Waldstück zur Herbstzeit. In der „Jagdpause im Wermsdorfer Wald“ (1852) ist eine Männergesellschaft zu sehen. Porträthafte Züge zeichnen die Gruppe aus. Tische sind gedeckt, Hunde zu sehen und das erlegte Wild. 1859 malte Rayski erneut den „Wermsdorfer Wald“ – diesmal menschenleer. Die Bäume haben keine Blätter mehr, es ist winterlich, hell, kahl. Das Braun und Grün im Vordergrund skizziert keinen Waldboden, sondern ist eine malerische Fläche. Die Farbe emanzipiert sich vom Gegenstand, selbst im „deutschen Wald“.

Herrlich verästelt hat Casper David Friedrich sein „Gebüsch im Schnee“ (1827/28) gehalten, wie ein neuronales System der Natur oder ein Gedankenbild. Ferner sind in Dresden Bilder von Ernst Ferdinand Oehme („Waldinneres“, 1821/22), Carl Gustav Carus, Hermann Prell und Friedrich Preller d. J. zu sehen.

Bis 10. Juni 2018; di-so 10 – 18 Uhr; 25./26. und 31. 12. geöffnet, 1.1.2018 12 – 18 Uhr geöffnet; Tel. 0351 / 4914 2000;

https://albertinum.skd.museum

Quelle: wa.de

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