Kastratenarien: Cecilia Bartoli singt in Dortmund

+
Cecilia Bartoli.

DORTMUND Die schönste Pose hat sich Cecilia Bartoli bis zum Schluss aufgehoben. Sie rauscht herein im goldenen Mieder, mit roter Schleppe; der Stoff bauscht sich zur dramatischen Tournüre. Vorne ist er weggerafft, lässt hohe Stiefel sehen. Bartoli wirft sich in Feldherrenpose. Ein Zwitter in Gold und Rot. Die Mezzosopranistin spielt in Dortmund mit Männer- und Frauenrollen. Sie singt Kastratenpartien, glitzernde, sprühende Arien voller furioser Läufe und kraftraubender Intervallsprünge. Das Programm ihres Dortmunder Arienabends orientiert sich an der CD „Sacrificium“ (2009) mit Repertoire der neapolitanischen Schule, Belcanto des frühen 18. Jahrhunderts. Von Edda Breski

Das Konzerthaus Dortmund hat die 44-Jährige für eine Zeitinsel mit drei Konzerten gewonnen. Der erste war am Samstag den neapolitanischen Arien gewidmet, es begleitete das Zürcher Originalklangensemble La Scintilla. Der Höhepunkt der „Zeitinsel“ ist Bartolis Rollendebüt in der Titelpartie von Vincenzo Bellinis Oper „Norma“ (1831) mit Thomas Hengelbrock und dem Balthasar-Neumann-Ensemble.

In Dortmund wird die Bartoli gefeiert, sowie sie stürmischen Schritts das Podium betritt, in Radmantel und Stiefeln, und ihren Dreispitz von sich wirft. Sie hat sich von Intendant Benedikt Stampa ansagen lassen; sie war krank, hat Konzerte absagen müssen. Von dem Husten, der sie noch quälen soll, ist wenig zu bemerken. Die erste Arie singt sie mit angezogener Handbremse, aber danach: ein Feuerwerk. Bartoli wechselt von feurigen Ausbrüchen zu intimer Klage, ohne je ihre stimmliche Kontrolle zu verlieren.

Das Kastratenrepertoire galt lange als unsingbar. Gerade für eine Frau birgt es Tücken, es erfordert großes Lungenvolumen und Kraft. Bartoli bietet Beherrschung, Farbreichtum und ihr berühmtes Temperament. Groß war ihre Stimme nie, sie wird es auch nicht mehr werden. Aber sie berückt mit ihrem Piano, mit ihrem Hauchen und Schweben, den glitzernden Läufen, den Trillern. Die Salven an Verzierungen feuert die Bartoli mühelos ab, vital und mit der Theatralik, die ihr Markenzeichen geworden ist.

Das Orchestra La Scintilla unter Leitung der Geigerin Ada Pesch lässt sich ganz auf Bartoli ein, unterstützt ihre Stimme optimal und bietet in den Solostücken, darunter farbprächtige Ouvertüren von Porpora und eine Sinfonia da concerto grosso von Scarlatti, geschmeidiges, feuriges Spiel.

Bartoli hat in den vergangenen Jahren für ihre CDs regelmäßig in den Archiven der Operngeschichte gegraben. Damit ist sie nicht die Einzige auf dem Markt: Mit dem „Sacrificium“-Programm steht sie auch in Konkurrenz zu der deutschen Sängerin Simone Kermes, die auf ihrer CD „Lava“ Repertoire aus der selben Zeit bietet. Wo Kermes extrem, quasi entäußert klingt, singt Bartoli warm und feurig, spielerisch oft bis zur Manieriertheit. Ihre Koloraturen funkeln, haben aber nichts Eisiges. Mit Ironie füllt sie die Rollen aus, ihr Spiel mit Männer- und Frauenlust ist wohlkalkuliert. Heroik und Liebesleid bricht sie durch die theatralische Pose.

Lautmalerisch betont sie den Text in Francisco Araias Arie des Demetrio „Cadrò, ma qual si mira“ aus „Berenice“, macht eine Pause für einen Streicherlauf, wirbelt weiter. Komische Pose, Schluss. Naiv interpretiert sie die Arie „Usignolo sventurato“ von Neapels berühmtem Gesangslehrer Nicola Porpora, in der die Gesangsstimme zwei Flöten imitiert. Die Bratschistin zwitschert mit einer Vogelstimmenpfeife. Das pastorale Theater ist perfekt. Herzbewegend schlicht singt sie Antonio Caldaras Arie des Abel, „Quel buon pastor“, ein Ausflug in den kirchenmusikalischen Zweig der neapolitanischen Schule.

Cecilia Bartoli singt „Norma“ am 29.6. und 1.7. in Dortmund. Karten: 02 31/22 696 200.

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare