Karin Henkel inszeniert Tschechows „Kirschgarten“ in Köln

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Turbulent geht es zu in der Kölner Inszenierung von Tschechows „Kirschgarten“. ▪

Von Eva Schäfers ▪ KÖLN–Aus dem Nachtschwarz des Kölner Schauspielhauses leuchtet ein Karussell. Seine Zirkuspferde sind Menschen: ein Schlagzeuger und ein Posaunist im goldenen Zirkusfrack, die gedämpft-heiter aufspielen (Michael Lücker und Henning Beckmann). Um die rotierende Scheibe wirbeln die verzweifelt ausgelassenen Kirschgarten-Menschen: mit den Dienstboten auch die kapriziöse Gutsbesitzerin Ranjewskaja (Lena Schwarz), ihr liebenswert-flatterhafter Bruder Gajew (Matthias Bundschuh), ihre muntere Tochter Anja (Marie Rosa Tietjen) und die tapsige Stieftochter Warja (Lina Beckmann).

Doch wovon nur will die Ranjewskaja die Musiker bezahlen? Hier wird eine Sommer-Lustbarkeit inszeniert, eine Woche, bevor wegen der drohenden Insolvenz, wie man heute sagen würde, der von ihnen heiß geliebte, legendär schöne Kirschgarten des Gutes versteigert werden soll. Indes scheint es hier so, als seien die alten Bäume schon gefällt, bevor die Handlung beginnt. Die Bühnenbildnerin Kathrin Frosch hat aus der Bühne ein schwarzes Erdreich gemacht: das inzwischen recht verwahrloste Gut der kapriziösen Ranjewska. Nach Jahren in Paris ist sie mittellos, ausgebeutet von einem skupellosen Liebhaber, in die russische Provinz zurückgekehrt. Die Ranjewskaja hat viel Gefühl, Humor und auch Esprit, aber die Lebenstüchtigkeit eines Lopachin (Charly Hübner) geht ihr ab. Der, Sohn eines Leibeigenen, inzwischen zum Kaufmann aufgestiegen, will ihr einen Plan zu Rettung des Gutes vorschlagen. Sie soll die nutzlosen Kirschbäume abholzen und auf das Grundstück Datschen bauen, die sie dann an Sommerfrischler vermieten kann. Doch davon will sie nichts hören. Stattdessen beklatscht sie die artistischen Nummern von der aparten Gesellschafterin Charlotte (Brigitte Cuvelier) mit dem dabei lässig rauchenden Diener Jascha (Maik Solbach). Dreimal setzt Lopachin an, und dreimal wird er vom Nummern-Applaus der vergnügungshungrigen Partygesellschaft zum Schweigen gebracht. „So phlegmatischen, verträumten Menschen bin ich noch nie begegnet“, zürnt Lopachin, der am Ende das Gut selbst ersteigern wird und sich über diesen Triumph aber gar nicht richtig freuen kann.

Im Original Tschechows setzt Lopachin zu dieser Überzeugungsarbeit immer wieder neu an. In der so szenisch geschickt verdichteten Inszenierung hat die Regisseurin Karin Henkel den schwermütig-heiteren Dialog stark eingestrichen und dafür die Menschen in Bewegung versetzt. Alle tanzen, springen in die Luft, fallen hin, reißen andere mit zu Boden. Wie ein sorgfältig choreografierter Slapstick mit einem widerspenstigen Liegestuhl sieht es aus, als der tollpatschige Jepichodow (Yorck Dippe) vergeblich versucht, die wie ein Käfer am Boden liegende Charlotte wieder auf ihre Beine zu stellen. Der gebückt umherschlurfende Diener Firs, ein zotteliger, uralter Greis, schlägt einen sehr jugendlichen Purzelbaum (Jean Chaize). Komisch auch: die „Kümmerin“ Warja, Jan-Peter Kampwirth als Trofimow, Visionär und ewiger Student, und Michael Weber als trotteliger Gutsbesitzer Pitschtschik – gerade den Nebenrollen wird von der Regie viel Raum zur Komik gegeben. Das gelingt sehr oft; nur wenn sich der Slapstick nicht genuin aus der Handlung entwickelt, wirkt er dem Stück gewaltsam aufgepfropft.

Lena Schwarz bezaubert als temperamentvolle Ranjewskaja, und Charly Hübner als Lopachin gelingt es, die verschiedenen Facetten seiner Rolle zum Strahlen zu bringen. Er hat eine den Anderen verborgene Seite, die ihn kritisch über sich selbst und das Leben philosophieren lässt: eigentlich ist es idiotisch, findet er, obwohl er doch allen Grund hätte, an seinem spektakulären gesellschaftlichen Aufstieg Genuss zu finden.

21., 25., 26., 30.1., 5.2.,

Tel. 0221/ 22 12 84 00,

http://www.schauspielkoeln.de

Quelle: wa.de

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