„Kairo. Offene Stadt“ im Museum Folkwang: Videos, Fotos, Tweets von der Revolution

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Menschen und Fotohandys: Mosa’ab Elshamy fotografierte „Demonstranten während einer Rede auf dem Tahrir-Platz, Kairo, 8. April 2011“, zu sehen ist das Bild im Museum Folkwang in Essen. ▪

Von Achim Lettmann ▪ ESSEN–„Ich bin in der Dunkelheit“, sagt Kaya Behkalam, „ich sitze am Meer, allein.“ Der Stadtteil seiner Kindheit ist auf dem Video zu sehen, eine Galerie, Straßenzüge, Ampeln, die monoton blinken. Die Aufnahmen von Kairo sind menschenleer. Nur wer den Verkehr und die Ägypter in ihrer Hauptstadt kennt, wird ermessen, wie geisterhaft diese Standbilder sind. Aber die Ausgangssperre, die das Regime Mubarak verhängte, führte zu der grotesken Stille. Kaya Behkalams Video „Ausflug in die Dunkelheit“ (2011) ist Teil der Ausstellung „Kairo. Offene Stadt. Neue Bilder einer andauernden Revolution“ im Essener Museum Folkwang.

Mit dieser Schau thematisiert die Fotografische Sammlung den revolutionären Prozess in Kairo und damit ein Beispiel für den sogenannten arabischen Frühling. Gleichzeitig dokumentiert Florian Ebner, fotografischer Leiter, wie sich die journalistische Infoarbeit wandelt. Die Reportage, ein Klassiker der visuellen Vergegenwärtigung des Zeitgeschehens, wird von Bewegtbildern überholt, die Teilnehmer der Demonstrationen, ja Opfer des Polizeistaats gemacht haben. Die Zeugenschaft bei Gewalttaten der ägyptischen Eingreifkommandos ist unmittelbar. Die digitale Technik der Fotohandys ermöglicht nicht nur die Aufnahme, sondern auch die unzensierte Verbreitung im Internet. Der Kriegsberichterstatter für Zeitungen und Fernsehen oder der „embedded journalist“, der im Irakkrieg einer US-Einheit zugewiesen war, sind nur noch ein Teil der Bildproduktion.

In Ägypten ist vor allem wichtig, dass das staatliche Monopol gebrochen ist und nicht nur zensierte Bilder im Fernsehen existieren, sondern auch authentische Aufnahmen andernorts. Auf offenen Internetplattformen wie Thawra Media (Revolutionsmedien) können Bilder von Unabhängigen betrachtet werden. User 543 schreibt: „Keine Identität ohne einen freien Staat“, und ein Demobild ist zu sehen mit jemanden, der eine Papiertüte über den Kopf trägt und warnt.

Mosa’ab Elshamy zeigt auf seiner Fotografie Zuhörer einer Kundgebung in Kairo und ihre Fotohandys. Alle wollen das Ereignis visuell bannen. Ivor Pricket fängt mit seiner Serie „Days of Anger“ (2011) die Wucht und Wut der Demonstranten ein.

Rowan El Shimi ist Journalistin. Ihre Schnappschüsse holen die Einzelnen aus der Masse. Ein junge Frau hält das Schild hoch: „Mubarak = Hitler, Soleiman = Goebbels“. In Essen steckt das Bild auf einer Plakatstange. Auf Holz ist ein Piktogramm gesprüht, das eine lustige Figur in Blau zeigt, die eine Digitalkamera hält: „We are watching back“ (Wir beobachten Euch auch). Gemeint ist, dass das Volk um Wahrheit kämpft. Zum Beispiel sammelt die Gruppe Kazeboon („Lügner“) Dokumente und Testimonies über den Aufstand. Sie nutzen nicht nur das Internet, sondern projizieren Bewegtbilder auf Häuserwände. Staatliche Videos werden mit echten Zeugenaussagen konfrontiert, damit sichtbar wird, wie instrumentalisiert die Medien in Ägypten sind. Deshalb auch der Name „Lügner“.

Die authentischen Bilder sind nicht immer auszuhalten. Ein Video zeigt, wie Sicherheitskräfte verletzte Demonstranten brutalst mit Stangen prügeln, beidbeinig auf die Wehrlosen springen, mit scharfer Munition in die Menge schießen. Wo Nachrichtensendungen das Schlimmste aussparen, ist in Essen das Ganze in Endlosschleife zu sehen. Allerdings sind die Monitore klein, so dass jeder wählen kann, was er sehen will.

Die Künstlerin Lara Baladi, die seit 1997 in Ägypten lebt, hat Radio Tahrir und Cinema Tahrir, um ein Videoarchiv zur Revolution aufzubauen. „Wir haben die Möglichkeit zu zeigen, was sich ändern muss“, sagt sie in Essen. „Die Leute vergessen nicht, was die Machthaber getan haben.“ Sie will zeigen, was die Regierung der Muslimbrüder zu verantworten hat. Und ihr ist klar, dass nach Mubarak eine „neue Art der Diktatur“ bekämpft werden muss.

Die Ausstellung ordnet die Flut der Nachrichten und Bilder. Zu Beginn sind Wachturm-Fotos der deutschen Künstlerin Eva Bertram zu sehen, die dokumentieren, dass Ägypten sein Volk observierte. Achmed Kamel hat feinlinierte Zeichnungen von Fotografien gemacht, die jugendliche Demonstranten, Paare und Männer auf dem Tahrir-Platz abbilden. Der Moment des Schnappschusses erhält mit den Zeichnungen ein bisschen Ewigkeit.

Dann öffnet sich der Raum für die Präsentation und stellt eine Platzsituation nach, mit Kuben aus alten Holzwänden, die Videokunst und Fotografien aufnehmen. Eine solche raue Schauarchitektur treibt einen um, zu der Zeitungs- und Twitterwand von Alex Nunns, der die Chronologie des Aufstands in Tweets dokumentiert und die Titelseiten von Zeitungen dazuhängt. Zu den letzten Videos des Künstlers Ahmed Basiong, einer Ikone der Revolution, der im blauen Anzug eine Performance am 25. Januar 2011 auf dem Tahrir-Platz zeigte. Am 28. Januar kam er ums Leben. Bereits auf der Biennale in Venedig 2011 und auf der documenta 2012 waren seine Bewegtbilder ausgestellt.

Mit sozialen Medien wollen die Künstler und Alltagsfotografen die Politik in Ägypten verändern. Diese Losung transportiert die Ausstellung hingebungsvoll. „Wir sind auf dem richtigen Weg“, sagt Nadine Khan, die ein Video gemacht hat über ihren Weg zum Tahrir-Platz, den sie 18mal gehen musste, bis Mubarak am 11. Februar 2011 abdankte. Für sie sind die Muslim-Brüder die letzte Bastion des alten Regimes. Dass die Demokratie gewinnt und der Nahe Osten friedlich wird, da ist sie sich sicher – irgendwann.

Die Schau

Wie digitale Fotos und Twitternachrichten eine Revolution befeuern und die klassische Reportage als Info-Medium ablösen. Ein zeitpolitisches Ereignis.

Kairo. Offene Stadt im Essener Museum Folkwang. Bis 5. Mai, di-so 10 bis 18 Uhr, fr bis 22.30 Uhr; Katalog erscheint im April. Tel. 0201 / 8845 444

http://www.museum-folkwang.de

Die Ausstellung geht noch ins Kunst- und Gewerbemuseum nach Hamburg

Quelle: wa.de

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