Julio César Iglesias Ungos Choreografie „Out of Body“

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Da fliegen die leeren Plastikflaschen: Szene aus dem Tanztheaterstück „Out of Body“ in Bochum ▪

BOCHUM ▪ Von Wölfen und Feen spricht der Conferencier im Licht der Taschenlampe, die er sich ins Gesicht hält. Und dann knurrt er so verdächtig, und sein Grinsen wirkt so animalisch wie aus einem alten Schwarz-Weiß-Horrorfilm der 50er Jahre. Die Gesetze der Realität heben die acht Darsteller auf in „Out Of Body“ am Schauspielhaus Bochum. Und der Conferencier (Krunoslaw Sebrek) warnt: Don't think you will find out until it's too late. Von Ralf Stiftel

In der Choreografie von Julio César Iglesias Ungo geht es um Erfahrungen des Außer-sich-Seins. Den ersten Kontrollverlust führt der Zeremonienmeister selbst vor, als sich der eiserne Vorhang hebt. Da schaltet er die Lampe auf Stroboskop-Funktion und fängt mit dem Blinklicht Tänzer ein, die über die Bühne eilen. Das technische Gerät wird zum Zauberstab, dessen Gefangene Zwangshandlungen ausüben müssen, bis sich der Jäger ein anderes Opfer sucht.

Mit dem freien Ensemble hat das Schauspielhaus die Tanzsparte neu belebt. Renegade hat seine Bühnensprache in der dritten Koproduktion erweitert. Nun gibt es nicht nur eine Mischung aus Hip-Hop und klassischem Tanz. Ungos Choreografie bezieht auch Sprache ein, wird erzählerisch. Der englische Text wird in Übertitelungen übersetzt. Manchmal braucht man die Hilfe nicht, wie ein furioses Solo zeigt, bei dem ein Tänzer in einen Redefluss in einer unbekannten Sprache ausbricht. Die Zuschauer entschlüsseln aus seinen ebenso ausladenden Gesten, dass er vom Abend im Casino erzählt, vom Spielautomaten, an dem er mit der letzten Münze den Hauptgewinn einstreicht, vom Abräumen am Roulette-Tisch.

Seltsame Figuren führt Ungo vor. Der Spieler agiert eher als Pantomime. Alexis Fernandez Ferrera hingegen tanzt mit den beiden Kunsthänden, als gehörten die Kunststoffobjekte zu einer Frau, und all die gestische Erotik ist in fließende Schritte und Gesten eingebunden. Im nächsten Moment vollführt er wilde Straßentanzübungen am Boden, springt dann wieder affengleich in einer Nische am Bühnenrand fünf, sechs Meter in die Höhe. Da gibt es den seltsamen Sammler (Christian Zacharias), der leere Plastikflaschen mit beiden Armen umklammert, weil sie „seine Leere füllen“. Eine Frau (Elena Friso) schlägt ihm die Flaschen aus den Händen, nimmt eine und reibt sie lasziv autoerotisch über ihren Körper, zerdrückt, verdreht sie, windet sich unter ihrer Berührung. Bénédicte Mottart malt mit den Händen und beschmiert mit der triefend blauen Farbe ihren Partner. Ein schüchterner Tänzer trägt einen Luftballon. Episodisch werden Szenen ausgebreitet, kleine Charakterminiaturen, mal witzig, mal akrobatisch wie bei einem Tänzer, der auf den Händen geht, ein Bein hinter den Kopf geklemmt, als sei er ein Yoga-Meister. Stühle werden zu Gehhilfen, Waffen, geschwungenen Tanzpartnern.

Das Finale führt in einen durchsichtigen Kubus mit Öffnungen an den Seiten. Der Conferencier ist hier eingeschlossen, während durch die Fenster Tänzer kommen, wilde Sprünge ausführen, ein Rausch der Bewegung zu einem drängenden Rock-Soundtrack.

Dieser umjubelte Abend bestätigt, wie sehr die Zusammenarbeit mit Renegade das Schauspielhaus bereichert.

24., 27.1, 15., 24., 27.2.,

Tel. 0234/ 33 33 55 55,

http://www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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