Juliette Binoche spielt „Antigone“ bei Ruhrfestspielen Recklinghausen

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Abfälliger Blick auf eine starke Frau: Juliette Binoche (Antigone) und Patrick O’Kane (Kreon) in Ivo van Hoves Inszenierung von Sophokles’ Tragödie „Antigone“, zu sehen bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen.

RECKLINGHAUSEN - Juliette Binoche schreitet vor einer gigantischen Staubwolke her, der Wind weht ihr ins Gesicht, und der schwarzer Hosenanzug umspielt ihren Körper, so wie ihr Schal im Luftzug flattert. Imposanter kann ein Kinobild der großartigen Schauspielerin nicht sein. Aber in Recklinghausen läuft ein Sturmvideo hinter der Bühne, die Windmaschine arbeitet, und Juliette Binoche geht durchs Festspielhaus. Heute ist die Französin Antigone, die Heldin aus Sophokles gleichnamiger antiker Tragödie. Ihr Spiel zeichnet sich immer dadurch aus, dass sie in dramatischen Momenten ihr Inneres öffnen kann, und vermittelt, wie sensibel und herzenswarm ihr Ansinnen ist, ob Freiheitsversessen („Die Liebenden von Pont- Neuf), sexbegierig („Das Verhängnis“) oder emanzipiert („Chocolat“). Das sie all ihre Absichten wahrhaftig und human erscheinen lassen kann und beim Filmen der Kamera inniglich offenbart, das auch verhalf ihr als erster Französin zu einem Oscar im Film „Der englische Patient“ (1996).

Bei den Ruhrfestspielen fehlt ihr die Großaufnahme. Aber selbst in der Inszenierung von Ivo van Hove, einem international gefeierten Theatermacher aus Belgien, wird sie der Fixstern auf der Bühne. Dabei ist die groß angelegte internationale Produktion kein Starvehikel. Anne Carson hat eine neue englische Übersetzung erarbeitet, die Sophokles’ Text für die Gegensätze unserer Zeit aufschließt. An Zeus und Co. glaubt niemand mehr, aber das Göttliche und Allmächtige bleibt ein ewiger Konflikt der Menschheit. Heute weniger staatstragend als zur Zeit griechischer Stadtstaaten arbeitet die Inszenierung in Recklinghausen das Widersetzliche als das Wesentliche des Menschen heraus. Es geht also nicht ohne Kampf, der gleich anhebt, als Antigone ihrer Schwester Ismene sagt, dass sie ihren Bruder Polyneikes bestatten wird. Obwohl er gegen Theben, Antigones Zuhause, Krieg führte und fiel, obwohl Herrscher Kreon jeden mit dem Tod bedroht, der diesen Feind begraben will. Hier streiten zwei Schwester, die Angst umeinander haben. Ismene (Kirsty Bushell) ist laut, selbstbewusst und weist darauf hin, dass Männer ihnen überlegen sind. Im Gegensatz zu vielen Klassikerdeutungen ist der Sockel, auf dem Antigone steht, abgeflacht. Sie widersetzt sich, weil ihr das Recht, den Bruder zu bestatten, wichtiger ist als der Gehorsam in einer „Diktatur“, was sie Kreon entgegenschleudert. Juliette Binoche spielt körperlich, sie wirft sich vor Ismene, als die Schwester den Bestattungsfrevel mittragen will, um Antigone zu helfen. Sie kniet vor Kreon und lässt sich vom Herrscher anfangs umarmen und küssen. Patrick O’Kane gibt Kreon jene zynische und selbstherrliche Attitüde, die im Wirtschaftsmanagment und der Finanzwelt zum Umgangston geworden ist. Später schreit Antigone ihn an, um das göttliche Recht gegenüber seiner „Anordnung“ zu stärken. Ohne Wirkung, denn das Alpha-Tier schüttelt sich, erkennt einen persönlichen Angriff und gerät in Rage. Seinem Sohn – Samuel Edward-Cook zeigt Haimon feinsinnig, gewissenhaft und aufrecht – erklärt er plump, dass die Frau die offene Wunde des Mannes sei. Das Buddy-Gehabe wirft ein Schlaglicht auf den Neo-Chauvinismus supranationaler Entscheidungsträger. Welcher Gott hat hier zu sagen?

Regisseur Ivo van Hove gelingt es, die Wucht der archaischen Konfliktstruktur als gegenwärtige Gefährdung spürbar zu machen. Die Bühne (Jan Versweyveld) ist ein weiter Raum mit breit eingepasster Couch, geduckten Schreibtischen und riesiger Videowand. Im minimalistischen Interieur wirkt das Geschrei der Kontrahenten abstoßend, deplaziert, unwürdig. Die Musik von Daniel Freitag verstärkt Empfindung und öffnet mit disparaten Tönen jene abgründige Verzweifelung, die Kreons Todesurteil für Antigone heraufbeschwört. Videobilder (Tal Yarden) Großstadtszenen, Wüstenlandschaften und spielende Kinder. Antigone beschwört die toten Verwandten und beweint ihre Einsamkeit. So sehr ein individuelles Schicksal spürbar wird, so hellsichtig wirken die Chormitglieder mit ihren Kommentaren. Wie Kreon („kleiner Diktator“) wird auch bei Antigone eine Hybris („Deine Seele birst“) ausgemacht. Ein Höhepunkt ist, wie der Seher Teiresias (Finbar Lynch) Kreons Kopf greift und ihn als Menschen einschätzt, der sich wandeln kann. Die Einsicht kommt zu spät, und Kreon tappelt als gebrochener Mann („Ein Gott fällt auf mich“), der Antigone, seinen Sohn und seine Frau Eurydike verliert. Er wird ausrangiert – die Arbeit geht weiter in der Businessetage. Und die rockigen Akkorde zum Schluss beschwören uns, eine Konfliktkultur einzuüben, die auf Ausgleich bedacht ist.

Das Stück

Gelungene Symbiose von Star- und Regietheater.

Antigone bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen mit deutschen Übertiteln.

Eine Produktion des Barbican London und Les Théâtres de la Ville de Luxembourg in Zusammenarbeit mit Toneelgroep Amsterdam mit den Ruhrfestspielen, Théâtre de la Ville – Paris und dem Edinburgh International Festival.

23., 24. Mai, Restkarten über die Kartenstelle Tel. 02361/918445

www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

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