Juliane Köhler brilliert in „Zwei Leben“ beim Filmfestival Lünen

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Kühl und verletztlich: Juliane Köhler in dem Vergangenheits-Thriller „Zwei Leben“, der in Lünen gezeigt wurde. ▪

LÜNEN ▪ Großer Applaus für Juliane Köhler. Beim Kinofest Lünen war sie der Star des ersten Abends. Köhler, die mit Filmen wie „Aimée und Jaguar“ (1999) und „Nirgendwo in Afrika“ (2001) bekannt wurde, spielt die Heldin in dem Eröffnungsfilm des Festivals. Das Drama „Zwei Leben“ ist ein Thriller um die Lebenslügen einer Frau, die als ehemalige DDR-Spionin ein Familienleben in Norwegen aufgebaut hat. Doch nach der Wende meldet sich die Vergangenheit bei Vera. Von Achim Lettmann

„Zwei Leben“ von Regisseur Georg Maas entwickelt eine Erzähldichte, die sich thematisch und dramaturgisch mit „Das Leben der anderen“ (2006) von Florian Henckel von Donnersmarck vergleichen lässt. Zehn Jahre lang ist an dem Film gearbeitet worden. Georg Maas, aber auch Produzent Dieter Zeppenfeld war auf dem Filmfest anzusehen, wie strapaziös diese Zeit gewesen ist. Auch die Filmstiftung NRW ist finanziell beteiligt. Zeppenfeld war nach der Vorführung merklich beeindruckt – wie auch das Publikum in Lünen. Dass es für die norwegischen Dialoge nur Untertitel gab, hat das Verständnis für den Plot sicherlich nicht erleichtert. Aber die Spannung, die „Zwei Leben“ erzeugte, und das Mitgefühl, das die Titelfigur bekam, waren in der Cineworld zum Greifen.

Der Film basiert auf einem unveröffentlichten Roman von Hannelore Hippe („Eiszeiten“). In „Zwei Leben“ kommt die Vergangenheit smart und aufrichtig daher. Ken Duken („Gran Paradiso“) spielt einen jungen Anwalt, der Entschädigung für Kinder auf europäischer Ebene erstreiten will, die nach dem zweiten Weltkrieg als Waisen aufwachsen mussten. Der Grund: Sie waren Lebensborn-Kinder, also Nachkommen von einem deutschen Soldaten und einer Frau im Besatzungsland. Im Film geht es um die Norwegerin Ase, die von Liv Ullmann gespielt wird. Die Nazis hatten ihre Tochter nach Deutschland geholt, als arisches Kind, das in einem Lebensborn-Heim in Sachsen aufwachsen sollte. Der Vater war an der Ostfront gefallen. Ase und Katerine/Vera, so möchte es der Anwalt, sollen über ihren späten Neuanfang sprechen. Aber Katerine sträubt sich – erstmal.

Der Film schiebt ein großes menschliches Unrecht vor sich her. Die Drehbuchautoren Christoph Tölle, Stale Stein Berg und Georg Maas wollen vermitteln, dass Vera als DDR-Spionin Täterin, aber auch Opfer der NS-Lebensborn-Politik ist. Sie verschränken die Geschichte zweier deutscher Diktaturen und haben mit Juliane Köhler ein Darstellerin gefunden, die die unglaubliche Story tragen kann. Wie ihre Familie immer skeptischer wird über Veras Verbindungen nach Deutschland, das macht „Zwei Leben“ zum Psychokrimi, der einem phasenweise den Atem raubt. Dabei geht Regisseur Maas auch das Risiko ein, nicht immer logisch zu bleiben. Die Kamera schwenkt in die raue Fjord-Landschaft, zeigt das kleine Holzhaus der Familie, blickt mit körnigen Bildern zurück und lässt Alptraum-Szenen erkennen. Es knistert in jeder Sekunde.

Dass Vera nicht ihre leibliche Mutter in Norwegen getroffen hat, sondern die Vita eines Lebensborn-Mädchens übernahm, wird erst mit den Praktiken der Stasi erklärt, die eine Spionin in Norwegen platzieren wollten. Dass diese ehemaligen Geheimagenten auch nach 1990 noch die Fäden ziehen, ist verständlich, weil sie alle ihre DDR-Identität verheimlichen müssen. Der Film wird zum Thriller, als Veras Abhängigkeiten zu zwei Stasi-Offizieren klar werden. Rainer Bock („Barbara“) brilliert als Oberfiesling.

Das Kinofest Lünen (2011: 9000 Besucher) hat durch solche Filmpremieren an Gewicht gewonnen. Auch der Besuch von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) zeigt, dass das Filmfestival eine feste Größe im Kulturjahr NRW ist. Vor allem 73 Unternehmen des Verbands ProLünen stützen wieder das Kinofest. Für Hannelore Kraft, die bereits 2011 die Cineworld Lünen besuchte, war es ein schöner Ausflug. „Wir kommen ja so selten ins Kino“, sagte sie am Eröffnungsabend. Sie hatte ihren Mann dabei.

In der Cineworld, eine Auswahl. ▪ Finn oder der Weg zum Himmel. Kinderfilm, Sa. 14.30 Uhr ▪ Das Millionen Rennen. Spielfilm mit Axel Prahl und Peter Lohmeyer. Sa. 16.45 Uhr ▪ Kurzfilm-Wettbewerb: Erster Gang II. 18.30 Uhr ▪ Leg ihn um! Spielfilm um einen Tyrannen. Sa. 19.15 Uhr ▪ Puppe, Icke & der Dicke. Roadmovie und Komödie um Aussteiger. Sa. 22.15 Uhr ▪ Die große Passion. Dokumentarfilm zu den Passionsfestspielen in Oberammergau. So. 10.30 Uhr;

Info-Tel. 01805 / 246 396 (14 Cent/Minute)

http://www.kinofest-luenen.de

Quelle: wa.de

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