Julia Prechsl bringt Peter Richters Roman „89/90“ in Münster auf die Bühne

Die Mauer fällt, da darf gejubelt werden: Szene aus „89/90“ am Theater Münster mit Louis Nitsche (vorn), Frank-Peter Dettmann, Christian Bo Salle, Sandra Bezler, Sandra Schreiber, Yana Robin la Baume (mittlere Reihe, von links), Lea Ostrovskiy und Paul Maximilian Schulze (hinten). Foto: Berg

Münster – Das Freibad kennt keine Politik. Wer hier seine Bahnen zieht, sich in die Sonne legt, den Sprungturm besteigt, der will, was alle anderen auch wollen. Acht Menschen spielen dieses unbeschwerte Treiben im Kleinen Haus des Theaters Münster. Es ist eine Zeitreise, zurück in die DDR des Jahres 1989.

16 Jahre jung war Peter Richter, als die Mauer fiel. Ein ganz normaler Jugendlicher, aufgewachsen in der DDR. 2015 kam sein Roman „89/90“ heraus, in dem er in vielen Momentaufnahmen eine Chronik der Wende liefert. Am Theater Münster hat Julia Prechsl aus dem Text eine Bühnenfassung geschaffen. 140 Minuten lang ohne Pause erlebt das Publikum, wie aus dem „kleinen Scheißland, das irgendwie das unsere war“, ein anderes wird.

Die Ereignisse sind ja aus dem Geschichtsbuch bekannt. Manches blendet die Regisseurin Prechsl auch als Videoprojektion ein, eine Rede von Bundeskanzler Helmut Kohl zum Beispiel. Aber die Perspektive ist tief im Westen eben unvertraut. Gleich zu Beginn wird die Freibadclique geschildert, all die jungen Leute, die mit dem herrschenden System nichts zu tun haben wollen. Die Jungs interessieren sich mehr für die unbekannte „Kirsche“ im Becken als für den Staatsrat. Und das Mädchen L., das seine Bahnen zieht wie eine Oma und mit 18 in die SED eintreten will, ist für sie eine Exotin. Eine Sozialistin.

Das ist burlesk, wie diese Jugendlichen den Zerfall ihres Staates erleben. Wie auf einmal den Autoritätsfiguren widersprochen wird, dem Lehrer, dem Kommandeur im Wehrlager. Wie sie mit der Bierflasche in der Hand die Ereignisse im Fernsehen verfolgen. Wie sie staunend die Welt im Westen untersuchen, den Ansturm auf wohlgefüllte Warenhäuser, die Bananen, den Grabbeltisch im „Wollwort“. Ausgebreitet wird eine Kulturgeschichte in Anekdoten, Partys, der Schock einer Techno-Disco. Und es kommt der Umschlag: Der Bullerbü-Kiez bevölkert sich zunehmend mit Skins, Bomberjackenträgern, Neonazis. Die Kämpfe zwischen „denen und uns“ nehmen einigen Raum ein, und da bereitet man sich durchaus mal mit Molotow-Cocktails auf den Besuch der Faschos vor.

Die Inszenierung bleibt dem Text weitgehend treu. Aber der Erinnerungsschwall Richters wird hier auf Yana Robin la Baume, Sandra Bezler, Frank-Peter Dettmann, Louis Nitsche, Lea Ostrovskiy, Christian Bo Salle, Sandra Schreiber und Paul Maximilian Schulze verteilt. Schon das imponiert: Wie die acht diese vielen Sätze reihum zu einem Ganzen fügen, episches Spiel, das zuweilen in turbulente Choreografien übergleitet. Dann tanzen sie ausgelassen. Oder sie schwärmen aus ins Publikum als Wahlkämpfer, die Zuschauer ansprechen, Hände schütteln, Zettel mit den Slogans von CDU, SPD, FDP, Grünen und so weiter von damals verteilen. Oder sie ziehen Masken über den Kopf und wanken als rechte Glatzenzombies durch die Szene. Dann wieder treten einzelne Akteure in Rollen. Christian Bo Salle wird in der Beschreibung eines Theaterbesuchs zum Jungschauspieler, der ausrastet, und er zitiert wunderhübsch den wilden Gestus der Castorf-Schule. Nitsche wiederum mutiert zum Bulgarien-Urlauber, der erst glaubt, mit den drei scharfen Däninnen vor der Disco seinen Glückstag erwischt zu haben. Bis ihn auf der Tanzfläche ein Skinhead anspricht. Die Prügelszene danach wird schmerzlich detailliert ausgeführt. Und Sandra Bezler verwandelt sich in den Zuhälter, der den Helden nach Tschechien zu seinen Mädels bringt, weil er sich mit den Linken gegen die lästig werdenden Neonazis verbünden will. Herrlich, wie sie da, Rotz hochziehend, breitbeinig, ballinand, wa, den treuherzigen Macker verkörpert, der nen weiteren Drink ebenso anbietet wie eine Freifahrt mit einem der Mädel.

Und so belebt die Inszenierung Richters Prosa zu einer munteren, bei aller Subjektivität durchaus erhellenden Geschichtslektion. Die Schlaglichter auf das Wendejahr fügen sich zu einem engagierten, unterhaltsamen Theaterabend. Großer Beifall.

15., 17., 25., 30.1., 7.2., 1., 8., 11.3., 9.4., Tel. 0251/ 5909 100, www. theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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