Joseph Beuys und Anselm Kiefer in der Küppersmühle Duisburg

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„Morgenthau – Plan, 1995“ (Gouache auf Kohle auf Schwarzweißfotografie) von Anselm Kiefer, zu sehen in Duisburg. ▪

Von Annette Kiehl ▪ DUISBURG–„Rettet den Wald“: Eine Kunstaktion im Düsseldorfer Stadtteil Grafenberg, 1972. Joseph Beuys, zu dieser Zeit Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie, demonstriert mit 50 Studenten und Besen in der Hand gegen die Pläne eines Tennisclubs, dort Bäume zu fällen.

Ein großformatiges Schwarz-Weiß-Foto am Eingang des Museums Küppersmühle in Duisburg zeigt diese Szene: Beuys, bekleidet mit seinem charakteristischen Hut und einem Mantel mit großem Pelzkragen, führt die Gruppe an und blickt beschwörend ins Weite. Ein Mann beobachtet ihn genau. Mit Brille, Schnauzbart und weißem Hemd wirkt er etwas bieder, doch hält er den Besen fest und kämpferisch in den Händen. Es ist Anselm Kiefer, der heute als einer der international bedeutendsten Künstler gilt.

Das Museum Küppersmühle stellt Beuys‘ grafisches Werk und Kiefers Arbeiten nun erstmals in einer großen Ausstellung gegenüber. 200 Zeichnungen, Gouachen und Bücher aus internationalen Sammlungen sind zu sehen – und eben dieses Foto, versehen mit einer rot aufgedruckten Aufforderung, ganz im Sinne von Beuys‘ Appell zur Einmischung der Bürger: „Überwindet endlich die Parteiendiktatur.“

Trotz dieser Momentaufnahme hat Beuys und Kiefer keine enge Beziehung verbunden, keine Freundschaft und kein intensives Schüler-Lehrer-Verhältnis. Schilderungen zufolge haben sich die beiden Künstler jedoch sehr geschätzt. So suchte Kiefer, geboren 1945, künstlerischen Rat und Kritik bei Beuys (1921-1986), und dieser ernannte ihn nach Betrachtung eines seiner Bildes kurzerhand zum Meisterschüler. „Beuys war der erste, der meine Aktionen – die ich übrigens gemacht hatte, ohne von Beuys vorher gehört zu haben – ganz unaufgeregt rein professionell als Kunstwerke einstufte“, berichtete Kiefer im Vorfeld der Schau.

Diese lässt in den einzelnen Räumen die Arbeiten der Künstler für sich wirken, ohne krampfhaft Parallelen zu ziehen. In der hohen Halle sind Arbeiten von beiden zu sehen. Zwei von Beuys‘ Tafeln („Difesa della Natura I und II“) korrespondieren dort mit Kiefers monumentalem Gemälde „Deutschlands Geisteshelden“ (1973). In einer auf Sackleinen dargestellten Raumflucht eines Dachbodens ist dabei neben den großen deutschen Philosophen und Künstlern auch Beuys‘ Name vermerkt. Neben der Anerkennung wird in dieser Gegenüberstellung auch die unterschiedliche Perspektive der beiden Künstler deutlich: Kiefers Bilder sind fast durchweg von seiner unnachgiebigen Erinnerungsarbeit geprägt. Selbst aktuelle Arbeiten wie „Der verlorene Buchstabe“, das gewaltige Gemälde einer zerborstenen, vielleicht gar außer Kontrolle geratenen altertümlichen Schreibmaschine, zeugen von der Reflexion deutscher Tradition und Kultur. Beuys hingegen zeigt sich bereits in Skizzen und Zeichnungen als politisch aktiver Künstler, der mit konkreten Anweisungen versehene grafische Visionen einer Gesellschaft der Zukunft entwirft.

Die Kuratoren der Schau, Walter Smerling und Götz Adriani, sehen die Zeichnung als „zentralen Schlüssel zum Kosmos von Joseph Beuys“. Tatsächlich überraschen seine ausgestellten Arbeiten nicht nur in politischer Hinsicht, sondern auch durch ihre Eleganz. Viele der in den 1950er Jahren angefertigten Zeichnungen und Aquarelle zeigen Figuren und weibliche Körper in Bewegung, mit wenigen Strichen filigran und spielerisch dargestellt. In minimalistischen Collagen lotet er den Raum anhand weniger Formen aus; andere Bilder, etwa von Hasen, Schamanen oder auch „Filzplastiken in Körperwinkeln“, lassen bereits die spätere Entwicklung hin zu seinen Skulpturen spüren.

Mit Kiefers Werk gemeinsam haben sie ihre intensive Ausstrahlung. Sie sprechen tief liegende Ahnungen des Betrachters an und sind in dieser Sogwirkung unnachgiebig.

Anselm Kiefers Arbeiten stehen im Mittelpunkt der Sammlung zeitgenössischer Kunst von Hans Grothe, der als Stifter das Museum Küppersmühle initiierte. Während die Duisburger Schau Kiefers Werke aus verschiedenen internationalen Häusern zeigt, präsentiert die Bundeskunsthalle in Bonn zur Zeit ausschließlich Arbeiten des Künstlers aus Grothes Sammlung – und hat damit deutliche Kritik provoziert. Vor kurzem kündigte Grothe an, in seiner Heimatstadt Duisburg ein Anselm-Kiefer-Museum für seine Sammlung errichten zu wollen. In der Zusammenstellung des Werks mit Beuys‘ Arbeiten in der Küppersmühle macht er nun nochmals das Gewicht des Künstlers deutlich.

Die Schau

Zwei Giganten deutscher Kunst nebeneinander gestellt.

Joseph Beuys – Anselm Kiefer. Zeichnungen, Gouachen, Bücher. Museum Küppersmühle Duisburg.

Bis 30. September; geöffnet Mi 14-18 Uhr, Do-So 11-18 Uhr; Katalog 42 Euro.

Tel. 0203 / 30194810. www.

museum-kueppersmuehle.de

Quelle: wa.de

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