Joos van Cleve im Suermondt-Ludwig-Museum Aachen

+
Meisterlich: Joos van Cleves Gemälde „Die heilige Familie“ kommt aus Manchester/USA nach Aachen ▪

Von Ralf Stiftel ▪ AACHEN–Wie prachtvoll schimmert die Rüstung des Heiligen Reinhold! Wie erlesen hängt der Pelzmantel über seinen Schultern! Wie stolz trägt er den über und über mit Federn besetzten Hut!

Joos van Cleve entfaltete in dieser Altartafel von 1516 seine ganze Kunst der Farbgebung und des flämischen Realismus. Und er nahm sich etwas heraus, was beinahe als Ketzerei zu werten ist: Er gab dem Heiligen die eigenen Gesichtszüge. Der Reinhold-Altar war ein Prestigeauftrag für die Marienkirche der Hansestadt Danzig und führte die Werkstatt des jungen Malers in Antwerpen an Grenzen. Innen bietet er geschnitzte Bibelszenen eines anonymen Meisters. Die Flügel waren gemalt. Bei den kleineren Innenszenen wirkten Assistenten mit. Die Außenseiten, die fast das ganze Jahr zu sehen waren, die übernahm der Meister selbst.

Diese Flügel, fast zwei Meter hoch, sind nun im Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen zu sehen. Das Haus zeigt erstmals überhaupt das Werk dieses Renaissance-Malers, der einst so hoch geschätzt war, der „wichtigste Maler am wichtigsten Ort“, in der europäischen Metropole Antwerpen, wie Museumsdirektor Peter van den Brink es formuliert, der die Schau mit Alice Taatgen kuratierte. Rund 60 Werke vom „Leonardo des Nordens“ zeigt das Haus. Es ist eine logistische Meisterleistung, weil Joos van Cleve fast nur auf Eichenholz malte, dem empfindlichsten Bildträger überhaupt. Und doch liehen der Louvre in Paris, der Prado in Madrid, das Metropolitan Museum in New York und die National Gallery in London ihre Schätze aus. Der Besucher lernt einen Künstler kennen, der unvergleichlich mit Farbe arbeitete und der virtuos die Errungenschaften der niederländischen und der italienischen Malerei verband, der Leonardo mit van Eyck zusammenbrachte.

„Leonardo des Nordens“, das ist gewiss hoch gegriffen. Aber schon direkt am Anfang der Ausstellung begegnet man Joos van Cleves Version des Letzten Abendmahls, das sich direkt auf das Vorbild des italienischen Meisters bezieht. Die Tafel, Teil eines Altars für eine Kirche in Genua, zeugt ebenfalls für sein hohes Selbstbewusstsein, denn wieder malte er sich, diesmal als Diener ganz links, der den Jüngern Wein nachschenkt. Zwar war van Cleve wohl nicht in Italien, um das berühmte Fresko im Original zu sehen. Aber in der Handels- und Kunstmetropole Antwerpen gab es Zeichnungen und Stiche davon. Später arbeitete Joos am französischen Hof, wo Leonardo seine letzten Lebensjahre verbracht hatte. Dort sah der Antwerpener dann wohl auch Gemälde.

In der Ausstellung gibt es einen Raum, der eindrucksvolle Vergleiche ermöglicht. Einige seiner erfolgreichsten Motive hatte van Cleve von Leonardo übernommen, zum Beispiel die Kirschenmadonna, deren Original verschollen ist. In Aachen ist eine Version von Giampetrino zu sehen. Joos van Cleve übernahm die Haltung der Madonna und des Kindes, aber er stattete den Raum üppiger aus, erfand Steinfriese, Ornamente, eine Apfel hinzu und gestaltete die Landschaft, auf die man durch ein Fenster blickt, weiter und detailreicher. Von diesem Bild fand der Kunsthistoriker John Hand 29 Fassungen, teils von Joos, teils von der Werkstatt, teils von anderen Kopisten. Eine Serienproduktion. Ein anderer „Hit“ sind „Christus und Johannes als Kinder, einander umarmend“, auf der „Thuélin-Madonna“ und als Einzeltafel von Marco d'Oggiono in der Ausstellung.

Man weiß nicht viel über den Maler, der eigentlich Joos van der Beke hieß, nicht einmal die Lebensdaten: Geboren um 1485 bis 1490, in der Stadt Kleve oder der gleichnamigen Provinz am Niederrhein, Mitarbeiter bei Jan Joest in Kalkar, ab 1511 in Antwerpen, wo er eine florierende Werkstatt unterhielt und Ämter in der Lukasgilde innehatte. Ein Dokument aus dem April 1541 bezeichnet seine Frau als Witwe, das Todesdatum ist unbekannt. Um 1530 gibt es keine Nachweise für einen Aufenthalt in Antwerpen. Wahrscheinlich war er an den französischen Hof gereist, wo er den französischen König Franz I., den englischen Herrscher Heinrich VIII. Und Franz' Frau Eleonora von Österreich porträtierte. Die Bildnisse von Franz und Eleonora sind in Aachen ausgestellt

Die Ausstellung ist thematisch gehängt, sortiert nach Altären, Andachtsbildern, Porträts. Viel wissenschaftliche Arbeit wurde geleistet, so wurde ein Triptychon wieder zusammengeführt, dessen Mitteltafel im National Museum Liverpool verwahrt wird, und dessen Seitentafeln mit der hl. Katharina und der hl. Maria Magdalena in belgischem Privatbesitz sind. Der Kunstfreund findet einen enorm produktiven und dabei wandlungsfähigen Maler. Man kann nur staunen über die psychologische Intensität in dem Diptychon eines Ehepaars aus der Gemäldegalerie in Kassel. Und bei der Heiligen Familie (Manchester, New Hampshire) findet man organisch alle Genres vereint, eine Summe der Malkunst: Das lebensnahe, ausdrucksstarke Porträt von Mutter und Kind, auf dem Tisch davor ein prachtvolles Stillleben, und hinter Josef eine tiefe Landschaft mit beinahe mikroskopisch kleinen Details. Die Farbe ist brillant behandelt, wie man am Glas vorn und am hauchdünnen Schleier Mariens bestaunen darf. Wie er eine Rhythmus aus Rot, Grün und Blau erzeugt, das ist einfach hinreißend.

Leonardo des Nordens – Joos van Cleve im Suermondt-Ludwig-Museum Aachen.

Bis 26.6., di – fr 12 – 18, mi bis 20, sa, so 11 – 18 Uhr, während der Tefaf bis 27.3. tägl 11 – 18, mi bis 20 Uhr,

Tel. 0241/ 479 800,

http://www.joos-van-cleve.de

Katalog, Belser Verlag, Stuttgart, 29,95 Euro

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare