Jonathan Philipps untersucht Kreuzzüge in seinem Buch: „Heiliger Krieg“

Von Jörn Funke ▪ Da hätte er vielleicht besser geschwiegen: Von einem „Kreuzzug gegen den Terror“ sprach US-Präsident George W. Bush im September 2001, als die Nation eine Antwort auf die Terroranschläge in New York suchte. Der Begriff „Kreuzzug“, der in Nordamerika für ein nobles Unterfangen steht, löste in der arabischen Welt Beklemmungen aus und fügte sich hervorragend in die antiamerikanische Propaganda des Terrornetzwerks „Al qaida“.

Warum die Kreuzzüge des Mittelalters immer noch Emotionen hervorrufen, haben zahlreiche Historiker in den vergangenen Jahren zu ergründen versucht. Mehr als ein Dutzend umfangreicher Monografien sind seit 2001 allein in Großbritannien erschienen. Die jüngste auf Deutsch vorliegende Studie stammt von dem Londoner Historiker Jonathan Phillips, der am Royal Holloway College die Geschichte der Kreuzzüge lehrt.

Die Feldzüge zur „Befreiung“ Jerusalems waren nicht die erste militärische Auseinandersetzung zwischen Christentum und Islam, wie Philipps ausführt. Die Byzantiner in Ost- und die Frankenkönige in Westeuropa hatten bereits seit gut drei Jahrhunderten Erfahrungen mit muslimischen Streitkräften gemacht, als Papst Urban II. die römisch-katholische Christenheit dazu aufrief, das Kreuz zu nehmen.

Philipps gelingt eine komprimierte, aber stimmige Einordung dieses Aufrufs: In einem zutiefst uneinigen Europa war die katholische Kirche die einzige überregionale Macht. Mit den Kreuzzügen hofften die Päpste, innereuropäische Konflikte zu glätten und ihren eigenen Führungsanspruch durchzusetzen.

Das, so stellt der Autor durchaus süffisant fest, hat genau einmal funktioniert: Der 1. Kreuzzug (1096-99), vom französischen Hochadel geführt, endet mit der blutigen Eroberung Jerusalems und der Errichtung eines christlichen Königreichs. Doch danach geht aus christlicher Sicht alles schief: 1187 erobern die Muslime die Stadt zurück, 1291 fällt die letzte katholische Bastion in der Levante. Keiner der – je nach Zählung – bis zu neun weiteren Kreuzzüge war auch nur ansatzweise erfolgreich.

Dafür wurde das Kreuzzugskonzept auf andere Felder übertragen: Auch gegen die vom Katholizismus abgefallenen Katharer und Waldenser, gegen die heidnischen Preußen, gegen die Mauren in Spanien und sogar gegen die christlichen Byzantiner wurden Kreuzzüge geführt. Die Idee eines Kreuzzugs, schreibt Philipps, sei zwar mit der Aufklärung diskreditiert, mit dem Imperialismus des 19. Jahrhunderts aber wieder lebendig geworden.

Phillips ist in seiner Darstellung um eine Einbeziehung der arabischen Welt bemüht – dass die Kreuzzüge kein nobles, sondern ein ausgesprochen grausames Unterfangen waren, steht hier außer Frage. Den Autor treibt dennoch eine seltsame Faszination am Thema an, die sich nicht zuletzt den Antagonisten des 3. Kreuzzugs (1190-92) zeigt, dem englischen König Richard I. „Löwenherz“ und dem Fatimiden-Sultan Saladin. Zwei erfolgreiche Feldherren, die sich zwar nie persönlich begegnet sind, die ihren Konflikt aber letztlich diplomatisch lösten. Vorbilder in einer kriegerischen Zeit.

Jonathan Philipps: Heiliger Krieg. Eine neue Geschichte der Kreuzzüge. DVA: München 2011. 640 Seiten. 29,99 Euro.

Quelle: wa.de

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