Jonathan Lethems großer New-York-Roman „Chronic City“

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Eigentlich ein Stadtmensch: US-Autor Jonathan Lethem im Grünen ▪

Von Ralf Stiftel ▪ Existieren wir eigentlich wirklich? Oder schwirren wir als ein Bündel digitaler Daten durch einen Rechner und halten uns nur für real? Perkus Tooth zweifelt nicht: „Es ist allgemein bekannt, dass wir in einer gigantischen Computersimulation leben könnten, ohne es zu wissen.“ Nun könnten wir uns hinsetzen und anfangen zu grübeln. Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Lethem hat einen Roman über diese Frage (und noch einige Fragen mehr) geschrieben, „Chronic City“, und wie er diese Frage anpackt, das lässt den Leser wunderbar verwirrt zurück.

Die titelgebende „Chronic City“ ist natürlich New York, die Welthauptstadt der Nerds, der verquasten Intellektuellen, der Reichen und Spinner. Hier lebt Chase Insteadman, der Ich-Erzähler, früher ein Kinderstar in Film und Fernsehen, heute eigentlich eine Randfigur der Szene. Aber seine Popularität steigt wieder, weil seine Verlobte in der Raumstation „Northern Lights“ manövrierunfähig im Orbit kreist, gefangen in einem chinesischen Weltraum-Minenfeld. Die Energie dort wird knapp, die Verbindung lässt nur zu, dass sie ab und zu sehnsuchtsvolle Briefe an ihn schreibt, die natürlich alle Welt mitlesen kann. Chase trifft Perkus Tooth, einen ziemlich durchgeknallten, schielenden Kulturkritiker. Der Beginn einer großen Freundschaft, bald seufzt Chase: „Du bis mein Gehirn.“ Und der Beginn eines großen Abenteuerromans.

Lethem zeigt uns New York als Spiel- und Experimentierfeld für die Befindlichkeit des Menschen im digitalen Zeitalter. Er spinnt um seine Figuren ein Geflecht aus Geschichten. Die Stadt scheint in eine postapokalyptische Phase eingetreten zu sein. Die Sache mit den chinesischen Minen wird nicht weiter erklärt. Es gibt einen extremen Winter – aha: Klimakatastrophe. In der Stadt treibt ein monströser Tiger sein Unwesen, den eigentlich keiner zu Gesicht bekommt, der aber sogar Häuser zum Einsturz bringt. Ist das nun ein fehlgesteuerter Roboter, der eigentlich einen neuen U-Bahn-Tunnel bohren soll, oder streicht da eine Raubkatze im Godzilla-Format durch die Straßen? Die Natur spielt verrückt, Vögel schwärmen ungeplant, ein Adler piesackt einen Kumpel von Chase und Perkus. Und irgendwann einmal sind die Straßen erfüllt von einem unerklärlichen, betörenden Geruch nach Schokolade.

All das ertragen die New Yorker gleichmütig. Wir lernen herrlich abseitige Orte und Dinge kennen. Ein Künstler erschafft eine Installation in der Landschaft, den „Urbanen Fjord“, eine Art Müllkippe, die jeder Besucher mit einem mitgebrachten Objekt füttern muss. Und dieser Laird Noteless hat einen perfekt zickigen Satz, als man ihn fragt, ob er nicht mal eine Internetversion einer Arbeit schaffen wolle: „Ich arbeite nicht in Pixeln.“ Da gibt es einen tausendseitigen Gedichtband von Ralph Warden Meeker mit dem Titel „Störrischer Staub“. Da richtet eine wohlhabende Witwe ein Apartmenthaus für Hunde ein, weil „Hunde in Häusern leben“ sollten.

Und das ist nur die äußere Welt. Hinzu kommen noch sexuelle Irrungen, so lernt Chase die rätselhafte Ghostwriterin Oona kennen, die irgendwie mit Perkus gearbeitet hat. Lethem entwirft ein fein austariertes Szenario aus Verschwörungstheorien, kulturellen Verweisen und satirischen Erfindungen. Für Perkus Tooth, diesen Erz-Nerd, der von Videokassetten mit Folgen alter Fernsehserien, Kaffee, Haschisch und Cheeseburgern lebt, ist die Realität ein surrealer Code, den er mit Szenen aus alten Filmen und Verschwörungstheorien entschlüsselt. Für ihn lebt Marlon Brando noch. Bei einem obskuren Akupunktur-Experten stoßen sie auf rätselhafte Vasen, die beim Betrachter das suchtartige Bedürfnis wecken, eine zu besitzen, sogenannte Kaldronen. Und dann gibt es noch das Internetprojekt „Yet Another World“, Lethems ironische Spiegelung von „Second Life“, und das Menetekel seiner Figuren. Hier sehen sie das Vorbild für ihre Vision, dass wir alle nur als Simulationen leben.

Lethem spielt mit seinen Kreaturen und mit dem Leser, erfindet Bandnamen wie „Chthonic Youth“, zitiert sich quer durch Hoch- und Trivialkultur. Selbst die Namen sprechen bei ihm, was auch die findigen Übersetzer nicht vollkommen abbilden können. Der Romantitel scheint New York zu beschimpfen als „chronische“ Stadt, so als wäre es eine Krankheit. Aber Chronic ist im Buch auch eine besonders berauschende Sorte Marihuana. Chase heißt Insteadman, „Anstellemann“, was man als Umschreibung eines Avatars auffassen kann. Doch die Kunstfertigkeit ist nie übertrieben, und besonders dieser so abgeklärte und zugleich so kindliche Perkus wächst dem Leser ans Herz.

Das Buch

Ein großer Roman über New York und über die Wirklichkeit:

Jonathan Lethem: Chronic City. Deutsch von Johann Christoph Maass und Michael Zöllner. Tropen Verlag/Klett Cotta, Stuttgart. 495 S., 24,95 Euro

Quelle: wa.de

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