John Williams’ Buch „Butcher’s Crossing“

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John Williams

Von Ralf Stiftel - Büffel jagen ist harte Arbeit. Will Andrews merkt das am ersten Tag: „Seine Augen brannten vom Blinzeln im Pulverdampf, die Lungen schmerzten, weil sie ihn eingeatmet hatten; der Kopf hämmerte vom Lärm der Schüsse, und an einer Hand wuchsen Blasen vom Hantieren mit dem heißen Gewehrlauf.“ Tiere töten ist auch für den Täter eine Qual.

Der amerikanische Romancier John Williams (1922-1994) wird gerade in Deutschland entdeckt. Vor gut einem Jahr erschien „Stoner“, die Geschichte eines Farmers, der sich zum Professor hocharbeitet. Will Andrews, der Held von „Butcher’s Crossing“, geht den umgekehrten Weg. Der Bürgerssohn aus Boston verlässt Harvard, um die „Wildheit“ zu entdecken.

Am Anfang des im Original 1960 erschienenen Romans trifft Andrews in Butcher’s Crossing ein. Eine schäbige Siedlung im Westen, mehr Zelte als Häuser. Es ist 1873, die Ära der Büffeljagden neigt sich dem Ende zu. Es gibt keine großen Herden mehr, die Tiere sind fast ausgerottet. Aber Will trifft Miller, der behauptet, ein Tal zu kennen, in dem noch eine große Herde lebt. Andrews gibt die nötigen 600 Dollar für eine Jagdexpedition. Und vier Männer brechen auf. Bei der Jagd geht es nur um die Felle, die meisten Kadaver werden liegen gelassen. Am Rande gibt es noch eine Beinahe-Liebesgeschichte mit der deutschstämmigen Hure Francine, die bereits vor der Expedition voraussagt, wie die Wildnis den noch unreifen Mann Andrews verändern wird.

Williams’ Roman beschreibt eindringlich die zerstörerische Kraft des Menschen, die zuerst die Natur verwüstet und sich dann gegen die Täter richtet. Es ist ein Western, der ohne das auskommt, was die Gattung trivialisierte. Keine Duelle von Revolverhelden. Keine Gefechte mit Indianern. Keine Desperados. Hier kämpfen vier Männer mit den Elementen und siegen nur scheinbar und vorläufig. Bis der Winter kommt und sie im entlegenen Gebirgstal festhält.

John Williams, in Texas geboren, war selbst ein Studienabbrecher wie sein Held Andrews. Er jobbte bei Zeitungen und schrieb seinen ersten Roman in seiner Militärzeit im Weltkrieg, als er in Indien und Burma stationiert war. Nach dem Krieg studierte er wieder und arbeitete anschließend in Denver als Professor für Creative Writing. Es muss eine wilde Zeit gewesen sein, die Trinkgelage bei seinen Seminaren waren berüchtigt. Am Ende war seine Gesundheit angegriffen, aus den 1970er Jahren wird kolportiert, dass er auf dem Campus abwechselnd an der Zigarette zog und am Sauerstoffgerät. Er veröffentlichte vier Romane, für „Augustus“ erhielt er den National Book Award. Aber er war auch in den USA lange vergessen, bis vor etwa zehn Jahren. Und mit einiger Verspätung erscheinen seine Bücher nun auch bei uns.

„Butcher’s Crossing“ überzeugt durch die archaische Wucht der Geschichte, die in die Landschaften führt, die man aus dem Western kennt, aber mit einem anderen, realistischeren Zugang. Hier schwitzen die Helden, am Berg wird ihnen in der dünnen Höhenluft schwummrig, und sie essen rohe Leber, um der „Büffel-Krankheit“ vorzubeugen. Die Moral ist nicht neu, aber nicht aufdringlich. Bei alldem hat Williams einen Sinn für große Szenen und grandiose Naturbeschreibungen noch dort, wo es um Tod und Verwesung geht. „Ein Bulle ruhte mit seinem riesigen Schädel auf der Flanke eines anderen Büffels; der Kopf schien sie beim Näherkommen zu beobachten, dunkle, schimmernde Augen, die sie gleichgültig musterten und über sie hinwegstierten. Während die Männer über das dicht bewachsene, federnde Grasland schritten, strahlte die Sonne aus einem wolkenlosen Himmel heiß auf sie herab, und in der Hitze stieg ein übler Geruch nach Moder und Wildnis von den Kadavern auf...“

John Williams: Butcher’s Crossing. Deutsch von Bernhard Robben. dtv, München. 365 S., 21,90 Euro

Quelle: wa.de

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