John Irvings neuer Roman „In einer Person“

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Wirbt um Toleranz: Bestsellerautor John Irving ▪

Von Ralf Stiftel ▪ „Nymphe“ nennt der grausame Jacques Kittredge den Ich-Erzähler William Abbott, der vor uns sein Leben ausbreitet. Der Star der Laientheatergruppe in der Kleinstadt Little Sister in Vermont weiß zwar nicht, dass Billy in ihn verknallt ist. Aber er spottet über das Unentschiedene an seinem Mitschüler. Der ist kein Kerl und keine Schwuchtel, und Kittredge kehrt das Innerste seines Kameraden nach außen. Billy ist bisexuell, schwärmt für dominante Frauen und hübsche Jungs.

William Abbott ist der Ich-Erzähler in John Irvings neuem Roman „In einer Person“. Der us-amerikanische Bestsellerautor legt ein wütendes Plädoyer für Toleranz vor und gegen die „homohassenden Arschlöcher“, wie sie eine Figur des Buchs nennt. Irvings jüngster Sohn Everett ist schwul.

Der Titel des Romans geht auf eine Passage in Shakespeares „König Richard II.“ zurück: „So spiele ich in einer Person viele Menschen, und keine ist zufrieden.“ William Abbott erinnert sich als arrivierter Schriftsteller, der mit Irving das Geburtsjahr 1942 teilt, an sein Leben, und da besonders an die Pubertät. Hier findet der Irving-Leser ein gewohnt skurriles Personal wie den schwulenfeindlichen Schularzt Dr. Harlow, den sympathisch versoffenen Onkel Bob, den Ringer Delacorte mit dem Mundspültick und Grandpa Harry, Inhaber eines Sägewerks, der gern Kleider, Perücke, Gummititten trägt und in Ibsen- und Shakespeare-Inszenierungen der Laientruppe stets Frauenrollen übernimmt. Wie ist das, wenn man in jenen verklemmten 1950ern anfängt zu schwärmen, für Kittredge, aber auch für den Stiefvater Richard. Und für die faszinierende Bibliothekarin Miss Frost, die für jede Seelenqual ein Buch weiß, erst Charles Dickens (ein literarischer Hausgott Irvings), später die Brontë-Schwestern und James Baldwin. Irvings Roman ist durchtränkt vom Glauben an die Macht der Literatur. William findet in Romanen Hilfe in einem seelsorgerischen, ja therapeutischen Sinn. Blaupausen fürs eigene Leben. Das ist naiv, aber auch sympathisch.

William wächst (wie Irving) ohne seinen leiblichen Vater auf. Der „Codeknacker“ aus dem großen Krieg hat sich davongemacht. Die dominante Mutter fand Richard, den sie später heiratete, einen Jüngeren. Bezeichnend, dass sie im Theater souffliert: Sie gibt den Text vor, steht aber im Hintergrund. Und William leidet, wie mancher Schulkamerad, an Sprachfehlern, die von sexuellen Ängsten ausgelöst werden. Das Wort „Penis“ zum Beispiel kann er nicht sagen.

Wie schön, dass William verständnisvolle Menschen trifft wie auf die Sprachtherapeutin Mrs. Hadley. Deren Tochter Elaine wird eine gute Freundin für Billy.

Romane von John Irving sind dick. „In einer Person“ zählt mehr als 720 Seiten, und wir folgen William Abbott nach New York, für ein Studienjahr nach Wien (wo er eine Liebhaberin und einen Liebhaber findet), dann wieder ins Schwulenviertel von Madrid. Romane von Irving erkennt man an bestimmten Motiven. Hier hat man das Ringen, die Suche nach dem abwesenden Vater und sogar Bären, wenn auch nicht Tiere wie in früheren Romanen. Es muss für Irving ein Hauptspaß gewesen sein, dass in der Szene Schwule mit ausgeprägter Körperbehaarung so bezeichnet werden. Süffisant schreibt er: „Sie wissen ja, wie Bären sind“.

Manche Kritiker werfen Irving vor, zu autobiografisch zu schreiben. Inzwischen witzelt er darüber. Williams Liebhaber, Lyriker und Lehrer für kreatives Schreiben, mokiert sich: „Bill schreibt Prosa, aber mit einem Ich-Erzähler im Enthüllungs-Stil der Bekenntnisliteratur.“ Dabei kann man Irvings Methode im aktuellen Buch fein verfolgen. Die vertrauten Bausteine ergeben doch wieder eine ziemlich andere Geschichte. Irving schreibt, dem Thema angemessen, oft explizit, zum Beispiel, wenn William sich über Vorzüge und Nachteile von „normalem“ und Analverkehr äußert. Er strapaziert die Gutgläubigkeit seiner Leser, wenn er enthüllt, dass Little Sister offenbar Scharen von Schwulen hervorgebracht hat.

Aber das macht auch den Charme von Irvings Romanen aus: ihre ausschweifende Phantasie. Wie die wunderbare Miss Frost den unerfahrenen William beschützt am Anfang eines Lebens als sexuell Wandelbaren, das zeigt den Autor auf der Höhe seiner Fähigkeiten. Da lässt er uns bizarre Figuren ins Herz schließen, weil er uns mit ihnen vertraut macht. Später erzählt er über Aids, schildert medizinische Details über den trockenen Husten, Pilze und Bakterien. Gerade damit berührt er – und findet noch die bestürzende Episode der Mutter, die sich das Blut ihres gerade gestorbenen Sohnes spritzt. Irving wirbt um Verständnis für die „Folles“. Dazu gehören politische Spitzen gegen die Intoleranten. Einen republikanischen Gouverneur, der gleichgeschlechtliche Ehen verbieten will, nennt der Ich-Erzähler einen „Höhlenmenschen“.

Dass der Roman nicht zum Pamphlet gerät, sondern packendes Lebensbild bleibt, immer pralle Erzählung, das zeigt einen großen Autor am Werk.

John Irving: In einer Person. Deutsch von Hans M. Herzog und Astrid Arz. Diogenes Verlag, Zürich. 752 S., 24,90 Euro

Quelle: wa.de

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