Werner Schwabs „Übergewicht, unwichtig: Unform“ in Dortmund

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Statt Würstl gibt’s Menschen zum Abnagen: Szene aus „Übergewicht, unwichtig: Unform“ in Dortmund mit Christian Freund, Andreas Beck, Marlena Keil, Frank Genser, Amelie Barth und Uwe Rohbeck (von links).

DORTMUND - Wie die Tiere reißen sie das Fleisch von den Knochen, stopfen sich die rote Masse in die gierigen Münder. Gerade noch war dies eine unauffällige, etwas schäbige Kneipe, in der eine schräge Stammkundschaft sich mit Bier und Schnaps abfüllte, während sie sich untereinander beschimpfte. Aber das „schöne Paar“, das am Seitentisch den Sekt in sich hineinschlürft und so zufrieden Händchen hält und vor allem so gar keinen Kontakt sucht, dieses Paar weckt die Mordlust in Schweindi, Hasi, Fotzi und den anderen.

Und wenn auch die Zuschauer im Studio des nun wieder spielbereiten Schauspiels Dortmund den Himbeergeruch des Kunstbluts riechen, schlucken sie doch bei dem hochrealistisch gespielten Anfall von Kannibalismus. Johannes Lepper, bis 2008 Intendant am Theater Oberhausen, inszeniert Werner Schwabs 1991 uraufgeführtes Stück „Übergewicht, unwichtig: Unform“. Und am Ende des ersten Akts gibt er dem Zombie richtig Fleisch. Die Darsteller stehen da animalisch aufgereiht mit blutverschmierten Gesichtern und stieren uns an. Das Werk mit dem Untertitel „Ein europäisches Abendmahl“ spiegelt ein saturiertes Bürgertum in einer Gesellschaft von Außenseitern. Liebevoll hat der 1994 kurz vor seinem 36. Geburtstag gestorbene Dichter soziale Rollen vergeben: Da ist der späte Student Jürgen (Uwe Rohbeck), der auf Solidarität pocht und auf seine Manieren achtet. Da ist Schweindi (Andreas Beck), der ein halbes Jahr lang unterrichtete, bis man ihm vorwarf, er habe an den „Lulus“ der Buben herumgespielt, weshalb er nun auf das gesunde Brot schwört, das er in einer Plastiktüte mit sich schleppt und in kritischen Situationen (also praktisch ständig) in sich hineinstopft. Seine Hasi (Marlena Keil) strickt am Biertisch und lässt den Frust über den unerfüllten Kinderwunsch an allen aus. Karli (Frank Genser) und Herta (Friederike Tiefenbacher) sind in Hassliebe fest verbunden. Fotzi (Christian Freund) bettelt ständig um „ein Geld für eine Musik“ und hebt dafür das knappe Kleid. Sie kennen sich alle. Sie trinken zusammen. Sie breiten voreinander Intimitäten aus, so plaudert Hasi mal eben aus, dass Schweindi die Erektion für eine Befruchtung nicht hinkriegt.

Lepper inszeniert das anfangs schön beiläufig im´Ton einer Daily Soap. Mehr braucht es ja auch nicht, das Stück kann allein aus seiner Sprache leben. Da beschwört Jürgen große Gefühle als „ein Sonneversinken im inneren Gerechtigkeitsmenschen ..., die Seele als Sonne, die vorsichtig und freundlich hinter den nieren- und herzförmigen Gebirgszügen untergeht“. Das hat an Faszination auch nach 25 Jahren nichts eingebüßt. Schwab bringt krudeste Obszönitäten mit trockenen Amtswendungen und naiver Poesie zusammen, eine einzigartige Mischung, die leider in den letzten Jahren aus dem Blick geriet, nun aber offenbar wiederentdeckt wird.

Durch kleine Kunstgriffe verleiht Lepper „Übergewicht, unwichtig: Unform“ hohe Aktualität. Natürlich fließen in seien Inszenierung Elemente des Horror- und Splatterfilms ein. Schwabs Zerrbilder der Durchschnittsgesellschaft nehmen wirklich Züge von Zombies an, weil Lepper und Kostümbildnerin Sabine Wegmann mit Blut und Schminke nachhelfen. Zudem besetzt der Regisseur das „schöne Paar“ mit Schauspielern mit Migrationshintergrund: Edith Voges Nana Tchuinang und Rafaat Daboul. Schon rückt die Fremdenfeindlichkeit der Kneipengesellschaft unangenehm nah an die Gegenwart heran. Das Stück bekommt dadurch geradezu eine realistische Wendung.

Gleich aber schlägt es wieder um in ein seltsames Passionsspiel: Herta hat nicht mitgespeist beim kannibalischen Mahl. Und sie inszeniert sich nun als Madonna, der die reuigen Menschenfresser die Füße küssen sollen, um Vergebung zu erlangen.

Diese Wiederentdeckung in Dortmund lohnt. Zumal ein bestens aufgelegtes Ensemble sich mit Wonne in die ekligen, lustigen, tragischen Abgründe der Handlung stürzt. Man lacht in einem Moment über die brutale Komik und will doch zugleich verzweifeln über die armen Kreaturen, die sich das alles antun. Großer Beifall.

23.12., 7., 10., 21., 26.1.2018, Tel. 0231/ 50 27 222,

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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