Johan Simons inszeniert „Accattone“ nach Pasolini bei der Ruhrtriennale

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Eine Choreografie der Gewalt: Szene aus der Produktion „Accattone“ in der Kohlenmischhalle der Zeche Lohberg in Dinslaken mit Steven Scharf in dre Titelrolle (2. von rechts) und Benny Claessens als „Das Gesetz“ (rechts).

DINSLAKEN - Gegen diese Schotterwüste unterm Blechdach erscheint Pasolinis Rom wie eine Oase. Die 210 Meter der Kohlenmischhalle der Zeche Lohberg müssen die Zuschauer erst abschreiten, um auf ihre Plätze zu kommen. Die Ruhrtriennale entdeckt unter dem neuen Intendanten Johan Simons einen neuen Industrieraum, der nichts ist fürs kleine Schwarze und High Heels. Diese befremdliche Karawane vor Vorstellungsbeginn hatte schon einen eigenen Schauwert.

Dinslaken-Lohberg, hier, am westlichen Rand, ist das Ruhrgebiet noch nicht saniert wie an der Bochumer Jahrhunderthalle. Vor zehn Jahren schloss erst die Zeche. Und hier liegt die monströse Halle, die an der offenen Kopfseite den Blick freigibt auf ein Wäldchen. Ein bisschen Hoffnung ist doch in der Wüste. Simons inszeniert „Accattone“ nach dem ersten Film von Pier Paolo Pasolini. Das ist kein Schauspiel, kein Musiktheater, eher eine szenische Abstraktion, in der die frommen Kantaten Johann Sebastian Bachs eingeschoben werden. Schon der italienische Filmemacher benutzte 1961 die Musik des Thomaskantors, um das Leben seines Helden, des Zuhälters Accattone, als Passion zu überhöhen. In Dinslaken dient das als szenisches Element. Immer wieder treten Darsteller vor das rohe Betonpodest, auf dem das Collegium Vocale Gent unter Leitung von Philippe Herreweghe musiziert, wenden dem Publikum den Rücken zu und lauschen dem süßen Zauber der Barockmusik. Selbst das größte Elend können diese Ausgestoßenen vergessen, wenn es in solche Klänge gefasst wird. „Ach, ich bin arm“, singt Countertenor Alex Potter betörend, und es ist, als meinte Bach genau die arbeitslosen Taugenichtse in Roms Vorstadt.

Accattone und seine Kumpel verachten die Arbeit. Sie leben von dem, was sie stehlen, erbetteln oder ihre Frauen vom Straßenstrich heimbringen. Im Film sieht man, wie die jungen Männer in Bars abhängen oder durch nächtliche Straßen ziehen. In Dinslaken stehen Steven Scharf (Accattone) und seine Gesellen auf der planierten Schotterfläche, die endlos aussieht. Manchmal lehnen sie auch an dem schäbigen Container. Und einmal fährt Accattone in die Hölle einer Grube und erlebt seine Auferstehung. Mehr Bühne braucht es nicht (Bühne: Muriel Gerstner). Der Raum mit seiner Materialität, wo der Schotter unter den Füßen knirscht, wo Staubschwaden aufgewirbelt werden und eine verirrte Taube unter dem Blechgewölbe flattert, ist Wüste genug. Hier besudelt sich Accattone das weiße Hemd, wenn er wieder einen seiner Stürze hat. Und wenn er anfangs wettet, dass er auch mit vollem Bauch im Fluss schwimmen kann, dann springt Scharf von keiner Brücke, sondern lässt sich einfach vornüber fallen.

Der Raum trägt die Wirklichkeit in die Aufführung. Das Spiel darf da zurücktreten. Vieles erzählen die Darsteller, was sehr gut zum tiefen Ernst der Musik passt. Wenn Accattones Frau von Zuhältern verprügelt wird, dann wird das zu einem grausig-schönen Pas de deux zwischen Sandra Hüller und Benny Claessens. Beide zerren sich an Haaren und Gliedern, greifen sich an und schmiegen sich im nächsten Moment aneinander, alles langsam, wie in Zeitlupe. Und den Takt gibt Bachs getragener Choral vor: „Lobet Gott in seinen Reichen.“

Simons kann in seiner Inszenierung großartige Darsteller einsetzen, die auch ohne viel Text zu erzählen verstehen. Da formt die Kneipenbande einen Kreis und schiebt taumelnd hin und her, ein treffliches Bild für eine zutrauliche und trügerische Männersolidarität. Wenn Accattones neue Liebe Stella ein neues Kleid bekommt, damit sie auf den Strich kann, dann ziehen die anderen Frauen ihr den wärmenden Unterrock aus. Eine traurige Pantomime zeigt, wie das Opfer zugleich fürsorglich und erbarmungslos vorbereitet wird.

Pasolinis Figuren verstören in ihrer ungebremsten Lebensgier, aber sie berühren auch. Simons‘ Fassung überwältigt durch Pathos. Accattone stirbt im Film bei einem Motorradunfall, er wollte vor der Polizei fliehen. In Dinslaken zeigt er das Gefährt in aller Ruhe seinen Gefährten. Das Passionsspiel in der Industriekathedrale bietet große Bilder. Aber es gemeindet den Zuhälter auch als Identifikationsfigur eines bürgerlichen Publikums ein.

19., 20., 22., 23.8., Tel. 0221/ 280 210, www.ruhrtriennale.de

Quelle: wa.de

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