Jazzposaunist Nils Landgren mit einer „Zeitinsel“ in Dortmund

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Verstärkt um die Stimmgewalt der südafrikanischen Soulsängerin Lira zeigte der Posaunist Nils Landgren in vier Auftritten im Konzerthaus Dortmund seine Vielseitigkeit.

Von Edda Breski DORTMUND - Es beginnt mit Nebel, glitzerndgrauem Nebel, durchbrochen von Highlights, so geheimnisvoll wie aus der Feder früher Disney-Zeichner, gelegt von den Streichern der Bochumer Sinfoniker. Ein Besen rührt sich, dann setzt die Stimme ein, ein heiserer Tenor singt Kurt Weills „Lost in the Stars“. Ein Auftritt, den ein Crooner nicht besser hätte inszenieren können, mit einem Orchester, das Glamour abliefert wie direkt aus der goldenen Filmmusikära Hollywoods importiert.

Später treiben Posaunentöne kühl und klar vorbei. Im Konzerthaus Dortmund war am Wochenende dem Jazz-Star Nils Landgren eine Zeitinsel gewidmet, eine von zweien in dieser Saison, die erste war, wie die meisten Zeitinseln, der Klassik gewidmet. Zu Gast war Landgren schon zuvor in Dortmund, doch dieses Mal war er vier Mal zu hören.

Am Samstag trat er mit den Bochumer Sinfonikern auf. Landgren und seine Kollegen boten einen Wohlfühlabend mit Hits aus dem Standardrepertoire, ein paar von Landgrens Eigenkompositionen und Crusader-Hits. Den Charme bezog das Konzert aus den Arrangements. Die meisten stammen von Jörg Achim Keller, der die BoSys selbst dirigierte. Er nutzt die Möglichkeiten des Sinfonieorchesters und umschifft weitgehend die Gefahren: schwammiger Klang und kitschiger Sound. Landgrens Stück „Cannonball“ zum Beispiel bleibt funkig, die Rhythmusgruppe, bestehend aus der Funk Unit, gibt die Stimmung vor, das Blech der BoSys steigt mit ein, überlässt aber gleich dem Klaviersolo das Feld. Das klingt alles sehr geradeheraus, die BoSys zeigen Understatement. Nachdem die Liedstruktur aufgefächert ist, spielen sie eine gedehnte Aufwärtsphrase, die Triangel funkelt dazwischen, und auf dem Höhepunkt hören sie einfach auf. Da setzt Landgren mit seiner roten Posaune für ein Funksolo ein. Den Schlusston dürfen die BoSys wieder mitspielen, ein Akkord wie sandgestrahlt. „The Moon and the Stars and You“, ein Stück, das Landgren für seine Frau geschrieben hat, begleiten sie mit reduzierten Mitteln: sehnsüchtigen Geigen und vorsichtigen Blecheinsätzen.

Zwischen diesen Extremen bewegen sich die Arrangements und damit der Abend. Ganz wunderbar werden die Klangmöglichkeiten in „This Masquerade“ genutzt. Da werden Klavier, Flöten und Streicher parallel geführt, das wirkt schwindelerregend und etwas außerirdisch. Diese Klänge führen in die Unwirklichkeit, in die die Crooner-Arrangements zuvor weisen. Landgren und die BoSys pflegen einen kuscheligen Glamour, gerade distanziert genug, um den Eindruck von Melancholie aufrechtzuerhalten, gerade nostalgisch genug, um in der Komfortzone zu bleiben. Bei Weills‘ „This time next year“ legen sich die Klänge wie eine Kuscheldecke über den Saal. Ein schwedisches Volkslied nutzen die Musiker, um mit Tempi herumzuspielen, die Synkopen, die einen Gang oder Marsch andeuten, nimmt Landgren auf und führt sie vom Folk direkt in den Funk. Mt höflichem Lächeln und leicht scherzend führt Landgren durch den Abend, bedankt sich praktisch bei jeder Ansage für das Kommen der Zuschauer und verspricht hinterher eine Autogrammstunde, mit Umarmung.

Die Streicher halten die Stimmung im Märchenhaften. Sie exerzieren mit grafischer Deutlichkeit Stimmungsbilder durch, von sehnsüchtig-kühl, glitzernd-unerreichbar bis Kaminfeuer-romantisch. Das Blech der BoSys stellt sich immer wieder bestens auf die Klangumgebung ein, eine nicht ganz einfache Leistung. Der Abend ist Schwerarbeit für die Tontechnik, denn der Saal nimmt zwar akustische Klänge bestens an, aber nicht elektronische, und die Aussteuerung erfordert Feinarbeit. Wenn sie gelingt, dann sind die feinen Soli des Gitarristen Johan Norberg und der Bassistin Eva Kruse zu bewundern. Pianist Petter Bergander kann sich besser durchsetzen. Rasmus Kihlberg am Schlagzeug macht sich durch geschmackvoll beigesteuerte Akzente bemerkbar.

Es gibt eine vokale Überraschung in Form der südafrikanischen Sängerin Lira. Sie singt mit Landgren „Feel good“ und bringt eine solche Partystimmung in den Saal, dass Landgren hinterher nachkühlen muss und mit „This time next year“ für Melancholiezufuhr sorgt. Dass er Mister Funk ist, klärt er mit seiner letzten Zugabe, die er solo spielt. Er röhrt wie ein Elch, zitiert „Smoke on the water“, baut im Spielen sein Instrument auseinander und posaunt auf dem Ventil weiter. Manchmal soll Musik auch Spaß machen.

Quelle: wa.de

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