Jazzfestival Münster mit Jasper van't Hof, Marius Neset und Michael Schiefel

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Ein würdiger Träger des Preises Westfalen-Jazz: Michael Schiefel in Münster.

Von Ralf Stiftel MÜNSTER - Es sind diese magischen Momente. Als im Theater Münster der Schlagzeuger Patrice Héral zum Mikrophon greift, scheint der Mann zu stottern. Silben kommen heraus, „Fa, fi, fa, ja, fa“. Plötzlich versteht man den Namen Jasper van’t Hof. Gleich noch mal Silbensalat, bis er „Markus Stockhausen“ herausbringt.

Und er jagt weiter Wortfetzen, „da, da, za, ge, ko...“ Längst hat das Stottern einen Rhythmus, wird Wortpercussion. „Danke, dass ihr so zahlreich gekommen seid.“ Dann holt er seine Silben noch einmal aus dem Computer, legt einen Groove darüber, lässt einen Hip-Hop-Beat abgehen, trommelt.

Bis dahin war der Auftritt des Trios beim 25. Internationalen Jazzfestival in Münster schon gut. Der künstlerische Leiter Fritz Schmücker hatte zum Jubiläum den holländischen Pianisten eingeladen, der 1979 beim allerersten Festival gespielt hatte. Mit dem Trompeter Stockhausen und Héral bot er elegische Balladen, leicht rockige Grooves, aber auch Ausbrüche in freie Improvisation. Aber mit Hérals Solo ging der Abend richtig ab. Minutenlang schwelgte der Franzose in Rhythmen, gesungen, geschnauft, geschnalzt im Beatbox-Stil, dann wieder getrommelt. Dieser Rausch überraschte selbst van’t Hof, der vom Klavier aufstand, tanzte, lachte. Und als Héral ihm zunickte, ihn forderte, seinen Namen rief, da langte er in die Orgel und legte noch einmal die alten Jazzrock-Akkorde auf. Der Jubel wollte nicht enden – aber weil das WDR-Radio übertrug, war keine Zeit für eine Zugabe.

Momente wie diese zu ermöglichen, darin besteht das Erfolgsrezept des Festivals, das seit Jahren zuverlässig Wochen im Voraus ausverkauft ist, obwohl selbst Experten viele Künstler nicht kennen. Das Unerwartete passiert. In 16 Konzerten sucht das Programm nicht die Sicherheit des Bewährten, sondern bietet Entdeckungen.

Wobei die Ausgabe 2015 wenige Auftritte hatte, in denen die Musiker richtig ins Risiko gingen. Gerade prominente Musiker aus Skandinavien suchten das Bewährte wie der schwedische Bassist und Cellist Lars Danielsson mit seinem Quintett, der sehr ernsthaft sehr erwartbaren Wohlklang bot. Oder der norwegische Saxophonist Marius Neset, der mit seinem Septett die Songs seiner Erfolgsplatte „Birds“ reproduzierte. Dabei stellte die mit Querflöte, Vibraphon und Akkordeon interessant instrumentierte Band den Hintergrund für seine virtuosen Improvisationen bereit. Ihm fehlte eine Herausforderung. Wie das funktioniert, hatte zuvor das Trio von Nikolas Anadolis gezeigt. Der junge griechische Pianist hat mit seiner Virtuosität am Berklee College of Music in Boston ein Vollstipendium bekommen. Anfangs schien er sich ins Instrument verkriechen zu wollen, so introvertiert spielte er konventionelle Songs. Aber er hatte den Schlagzeuger Jonas Burgwinkel als Gegenüber, und der lockte Anadolis aus der Reserve, bis der mit Blockakkorden, eingeschobenen Salsa-Rhythmen und wilden Wischern dagegenhielt.

Das Publikum zeigt sich in Münster aufgeschlossen und aufnahmefähig. Es bejubelt den Romantiker Anadolis ebenso wie das Quartett der britischen Trompeterin Laura Judd, die unbefangen aufspielt, mit ihrer Mischung aus Fusion, Acid-Jazz und Pop-Anklängen aber nicht unbedingt Neuland erkundet. Da war die französische Baritonsaxophonistin Céline Bonacina mit ihrem Programm „Réunion“ ein anderes Kaliber. Zwar war in dem percussionlastigen Fusion-Sound Afrika eher indirekt zu hören – die Insel La Réunion vor Madagaskar ist ein Übersee-Département Frankreichs. Aber die Spielfreude des Sextetts waren hinreißend.

Und dann Sternstunden wie der Auftritt von Michael Schiefel, Träger des Preises Westfalen-Jazz 2015. Der Sänger trat im Duo mit seinem früheren Lehrer auf, dem Vibraphonisten David Friedman. Dass die beiden sich lange kannten, hörte man. Friedman schlug die Akkordfolge eines Standards an, Schiefel stieg ein mit „Joy Spring“. Dann trällerte er einfach los: „We don’t know what will happen.“ Er scattete, übernahm die Phrasierung von Instrumenten und bewegte die Hände als Luftbassist oder Lufttrompeter.

Das Trio Random Control um den österreichischen Pianisten David Helbock wagte sich an zwei sperrige Riesen, den Pianisten Thelonious Monk und den brasilianischen Multi-Instrumentalisten Hermeto Pascoal. Wie sie deren Kompositionen akrobatisch an Dutzenden Instrumenten interpretierten, wie Helbock sich ein Spielzeugklavier in den Flügel platzierte, wie Johannes Bär von Takt zu Takt zwischen Sousaphon und Piccolotrompete wechselte, zwei Trompeten gleichzeitig oder auch ein fetziges Alphornsolo spielte, wie Andreas Broger Bassklarinette und Basstrommel zugleich spielte, das verband die Virtuosität von Sinfonikern mit der Leichtigkeit von Straßenmusikanten.

Den Abschluss machte das „Minafric Orchestra“ des italienischen Trompeters Pino Minafra. Mit dem britischen Pianisten Keith Tippett und dem südafrikanischen Schlagzeuger Louis Moholo-Moholo zelebrierte die 22-köpfige Big Band den Afro-Jazz, den südafrikanische Exilmusiker in England entwickelt hatten. Sie spielten Musik, die Nelson Mandela gewidmet war. Die melodiösen, an die Swing-Tradition anknüpfenden Songs wurden mit dem Überschwang von Spät-68ern dargeboten, immer mal wieder gab’s ein bis ins Atonale ausgreifendes Posaunen- oder Sax-Solo.

Es war nicht das einzige Statement zum Tage. „Nous sommes Charlie“, rief Fritz Schmücker, und dass er stolz sei, dass in Münster 10 000 Bürger auf der Straße waren, gegen Pegida. Dafür stehe der Jazz, für Vielfalt und Differenzierung.

Quelle: wa.de

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