Jazz-Label Blue Note wird 75: Prachtband von Richard Havers

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So cool kann Jazz sein: Francis Wolff fotografierte Grant Green 1961.

75 Jahre alt wurde Blue Note in diesem Jahr. Es ist das älteste Jazzlabel überhaupt. Kaum eine Größe des modernen Jazz, die nicht hier zu hören war: Miles Davis, John Coltrane, Thelonious Monk, Horace Silver, Sonny Rollins, Art Blakey, Wayne Shorter und viele mehr veröffentlichten bei Blue Note einige ihrer wichtigsten Aufnahmen.

Von Ralf Stiftel

Das Label ist immer noch produktiv, und hat mit Aufnahmen zum Beispiel von Norah Jones, Gregory Porter, José James, Robert Glasper durchaus Erfolg. Und das, obwohl es 2012 von Universal Music übernommen wurde, dem größten Plattenkonzern der Welt. Zum Geburtstag erscheint der Prachtband „Blue Note. The Finest In Jazz“ von Richard Havers. Der Mann hat als Produzent gearbeitet und als Journalist, ist unter anderem Autor einer Biografie über Frank Sinatra. Und er arbeitet für Universal Music. Eine kritische Darstellung darf man nicht erwarten.

Allerdings darf Havers Blue Note auch toll finden. Besonders in den 1950er und 1960er Jahren konnte man Neuerscheinungen blind kaufen – sie markierten den Standard. Was das Buch zu einem absoluten Muss für jeden Jazzfan macht, ist die liebevolle Gestaltung: Hier schwelgt man in Bildern und Dokumenten in grandiosem Lay-Out. Was auch daran liegt, dass Blue Note nicht nur beste Musik bot, sondern auch ein prägnantes Design.

Die Wurzeln von Blue Note liegen in Deutschland. Alfred Löw (1908–1987), Sohn eines jüdischen Architekten, und sein Freund Frank Wolff (1907–1971) entdeckten im Berlin der 20er Jahre den Jazz. Löw suchte schon 1928 sein Glück in den USA, in New York, kehrte aber noch einmal nach Deutschland zurück, ging dann Anfang der 1930er Jahre nach Südamerika. Anfangs schlief Löw in New York im Central Park. Als er endgültig in die USA einwanderte, 1936, arbeitete er sich mit Aushilfsjobs hoch. Drei Jahre später organisierte er mit knappstem Startkapital seine erste Plattenaufnahme mit den Boogie-Woogie-Pianisten Meade Lux Lewis und Albert Ammons. Da hatte er seinen Namen schon anglisiert: Lion. Er hatte Partner gefunden – die Journalisten Max Margulis und Emanuel Eisenberg. Und er schaffte es, Frank Wolff, der sich später Francis nannte, mit dem letzten Schiff aus Nazi-Deutschland herauszuholen.

Zehn Jahre lang brachten sie Schellack-Platten mit damals populärem Jazz heraus. Dann profitierten sie von einem technologischen Schub. Juke Boxes und Vinyl-Platten kamen auf. 1947, 1948 brachten sie Aufnahmen von Musikern der Avantgarde heraus, dem Pianisten Thelonious Monk und dem Schlagzeuger Art Blakey. Eine Erfolgsgeschichte begann.

Havers beschreibt das mit vielen Anekdoten und bebildert es opulent. Blue Note unterschied sich von anderen Labels durch einen außergewöhnlichen Qualitätsanspruch. Hier bekamen die Musiker vor den Aufnahmen Probezeit. Der Toningenieur Rudy van Gelder schuf einen präsenten, klaren Sound. Und es gab etwas, das man heute corporate design nennen würde, eine Optik, die eine Blue-Note-LP auf den ersten Blick erkennbar machte. Francis Wolff war ein genialer Fotograf von Musikern. Reid Miles wiederum war der Grafiker, der mit den Bildern Cover schuf, die stilprägend nicht nur für Jazzplatten wurden. In Havers’ Buch sind eine Fülle dieser grafischen Arbeiten versammelt, man sieht Kontaktbögen, aus denen „das“ Bild ausgewählt, der passende Ausschnitt markiert wurde. Man taucht ein in die coole Jazzszene der 50er, 60er Jahre, wo die hippen Musiker Anzüge und Krawatten trugen, versunken in die Rauchwolke einer Zigarette blickten oder – wie Jimmy Smith – für ein Cover an einem Hühnerstall posierten.

Vor allem aber ist dieses Buch voller Musik. Am Ende der späteren Kapitel nimmt sich Havers eine Auswahl herausragender Blue-Note-Aufnahmen heraus und widmet jedem davon eine knappe Besprechung mit Cover-Abbildung, Titel-Auflistung und weiterem Material, meistens aufregenden Session- und Probefotos von Wolff, manchmal auch eine Seite aus Alfred Lions Notizbuch mit Kommentaren zu einer Aufnahme. Havers schreibt keine Verrisse, aber er unterscheidet durchaus, merkt zum Beispiel an, dass der Pianist Duke Pearson nicht die Klasse eines Herbie Hancock hat. Schlechte Kritiken verschweigt er nicht, ordnet sie aber oft ein, vor allem bei Aufnahmen der Avantgarde wie Eric Dolphy und Ornette Coleman. Die Auswahl kann man kritisieren, mir fehlt zum Beispiel Horace Silvers Album „Finger Poppin’“, aber Silver ist im Buch schon gut vertreten. Und bei den – ohnehin knapper gehaltenen – CDs der letzten Jahrzehnte hätte das erste Album von US3 dabei sein müssen, das mit seinem Brückenschlag zwischen HipHop und Jazz und einem Welthit wie „Cantaloop“ (eigentlich eine Coverversion von Hancocks „Cantaloupe Island“) auf dem Popmarkt Erfolge feierte. Dem widmet Havers aber nur einen Absatz im Lauftext, es mag ihm zu eklektisch sein. Aber das sind Geschmacksfragen. Das Buch ist eine Augenweide und ein Born des Wissens – einfach prachtvoll.

Richard Havers: Blue Note. The Finest In Jazz. Deutsch von Tracey J. Evans und Reinhold Unger. Sieveking Verlag, München. 400 S., 78 Euro

Quelle: wa.de

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