Jasper Ffordes grandioser Zukunftsroman „Grau“

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Liebt farbige Schilderungen: Autor Jasper Fforde ▪

Von Ralf Stiftel ▪ Die Grüne Frau im Zug schickt Eddie los: „Junge? Bring mir einen Tee.“ Farben regieren die Welt in Jasper Ffordes „Grau“. Die Menschen in seinem Roman sind farbenblind. Wer wenigstens einen Ton erkennt, Rot, Grün, Gelb oder Blau, der zählt mehr als die anderen. Die „Grauen“ müssen arbeiten in Städten, die Jade-unter-der-Limone heißen, Ost-Karmin oder Zinnober. Wer in der spektralen Ordnung die höherwertige Farbe vertritt, der darf befehlen. Grün steht über Eddie Russetts Rot. Also holt er kurz Luft – und geht los: „Natürlich, Madam.“

Der Leser braucht eine Weile, um sich in Ffordes Roman zurechtzufinden. Gewiss gibt es eine Menge Dinge, die man erkennt. Eisenbahnen. Stühle. Löffel. Postleitzahlen. Aber die Gesellschaft, die sich mit ausgesuchter Höflichkeit siezt und penibel Regeln befolgt, die ist sehr weit von uns weg. Fforde erzählt von einer Zukunft, die anmutet wie das 19. Jahrhundert des bürgerlichen Romans. Eddie Russett, der Junge mit der vorzüglichen Rotsicht, steht vor einer einträglichen Vernunftehe mit Constance Oxblood. Doch er muss wegen eines Regelverstoßes in Ost-Karmin eine Stuhlzählung durchführen. In den Randzonen begegnet er Jane, einer Grauen mit einer unwiderstehlichen Nase. Schon gerät er von einem Abenteuer ins nächste. Zum Beispiel landet er im Pansen eines Yateveo-Baums.

Jasper Fforde hat viele Fans mit seinen Romanen um die Literatur-Geheimagentin Thursday Next gewonnen. „Grau“ eröffnet eine neue Reihe und spielt in einer fernen Zukunft in Wales, Ffordes Heimat. Das Buch imaginiert die Welt nach einer weltumspannenden Katastrophe, die allerdings nur am Rande auftaucht, in Andeutungen über das „Große Ereignis“, bei dem die „Einstigen“ starben. Im Jahr 00496 leben alle nach den Regeln Munsells, niedergelegt in 282 Bänden. Das genügt, die Welt wurde vereinfacht im Zuge der EntFaktung und mehrerer Großer Rücksprünge, bei denen Technik vernichtet wurde. Das modernste erlaubte Fahrzeug ist ein Ford T. Das Wissen früherer Generationen einschließlich genialer Erfindungen wie Everspin-Motoren, selbstreinigende organische Straßenbeläge aus Perpetulit und Schweblinge ging verloren. Die Bewohner von Ost-Karmin vergnügen sich mit Hobbys wie dem Nachspielen abgelaufener Tage, Aufführungen alter Musicals wie „Ockerlahoma“ und DemEinen, das gerissene Kuppler mit willigen Grauen arrangieren.

Diese scheinbar in heiterer Stagnation dahinlebende Gemeinschaft hat ihre Abgründe. Fforde nennt als Inspirationsquellen George Orwell („1984“) und Aldous Huxley („Schöne Neue Welt“). Aber er schaltet noch den satirischen Turbo ein. Wenn man in „Grau“ auf Nebensätze und Andeutungen achtet, lernt man eine Zwangsgesellschaft kennen, eine Mischung aus prüdem Teekränzchen, Sozialismus, Kastengesellschaft und Sekte. Der allgegenwärtige Munsell mit seinen Regeln und Sinnsprüchen („Getrennt sind wir vereint“, „Zur Befriedigung der Nährstoffbedürfnisse von Vegetariern gilt jeden ersten Dienstag im Monat ein Hühnchen offiziell als Gemüse.“) erinnert an Figuren wie den Scientology-Gründer L. Ron Hubbard.

Alles ist vorgeschrieben im Kollektiv. Die Währung sind „Meriten“, also Verdienste, und es gibt sie auch negativ, als Demeriten. Wer zu sehr ins Minus gerät, der ist fällig zum „Reboot“, zu einer strengen Umschulung. Die soziale Kontrolle funktioniert präzise: Farbe, Meritenstand und gelegentliche Vergehen, zum Beispiel eine Lüge, werden über Abzeichen am Kragen der ebenfalls regulierten Kleidung für jeden ablesbar. Bald merkt man, dass an allem Mangel herrscht. Kekse werden mit Sand gebacken oder mit Lebertran, weil Mehl oder Vanillearoma gerade nicht zur Verfügung stehen. Boysenbeer-Marmelade ist eine rare Delikatesse. Und die Toten werden recycelt. Wie auch alle Farbreste, aus denen der mysteriöse Konzern NationalColor Kunstfarben produziert, die alle sehen können und die über geheim verlegte Leitungen zum Beispiel einen Garten verschönern.

Fforde schildert seine Farbwelt mit großem Detailreichtum und wunderbarem Witz, was es dem Leser sehr erleichtert, sich zurechtzufinden. Zumal der Autor überall Anspielungen auf die Gegenwart einbaut. So gibt es in Rostberg ein Gemälde von Caravaggio, „Stirnrunzelndes Mädchen trennt Bärtigem den Kopf ab“. In der fernen Zukunft kennt man „Judith und Holofernes“ nicht mehr. Und die Unbücherei wurde ebenfalls gereinigt, bis auf erwünschte „Sehr Rassige Romane“. Aber die literaturversessene Bibliothekarin hat die verbotenen Krimis noch im Kopf, beinahe jedenfalls, und schwärmt von „Mrs Schnees Gespür für Smileys“, für „Gurken Park“ und für „Sämtliche Werke von Schiel Locke Holmes“.

Jasper Fforde: Grau. Deutsch von Thomas Stegers. Eichborn Verlag, Frankfurt. 491 S.,

19,95 Euro

http://www.eddie-russett.de

Quelle: wa.de

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