Der japanische Architekt Sou Fujimoto stellt in der Kunsthalle Bielefeld aus

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Wohnen ohne Wände: Modell des Hauses NA von Sou Fujimoto ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BIELEFELD–Das Erdgeschoss der Kunsthalle Bielefeld sieht aus wie der Traum eines Floristen. Glaskästen stapeln sich auf Metallpfeilern übereinander, in jedem steckt ein Bäumchen. Tritt man näher, erkennt man die winzigen Figuren im Glas- und Plastikwald. Sou Fujimoto schlägt hier keine neuen Raumschmuckideen vor. Der japanische Architekt hat die Modelle als Schauräume für einen Modekonzern entworfen. Realisiert wurden sie noch nicht. Aber wenn man sich das Glas wegdenkt, erkennt man die zentrale Idee in seinem Schaffen. Fujimoto sagt: „In einem Haus zu wohnen ist so, als würde man in einem Baum wohnen.“

Die Werkschau ist die erste Präsentation des neuen Leiters der Kunsthalle, Friedrich Meschede. Sie ist gleich ein Glücksgriff: Vereinbart hatte er sie vor einem Jahr, als er gerade von seiner Ernennung erfuhr. Inzwischen hat Fujimoto eine rasante Karriere in der internationalen Architektenszene gemacht, sodass die Schau unerschwinglich wäre, müsste man sie heute aushandeln. Fujimoto hat Preise eingesammelt, arbeitet an monumentalen Projekten wie dem Taiwan Tower, einer 300 Meter hohen Landmarke für den Inselstaat, die 2017 fertiggestellt werden soll. Rund 120 Modelle und Skizzen stellen sein Werk vor. „Futurospektive“ nennt Fujimoto die Schau. Er sei noch zu jung für eine Retrospektive, er habe noch viel vor, erzählt er.

Sensationell dabei ist, dass man sein „Final Wooden House“ in Originalgröße erleben kann. Äußerlich ist das ein Kubus von 4,20 Meter Kantenlänge, errichtet aus Zedernbalken. Der rötlich schimmernde Nachbau im Maßstab 1:1 steht im Skulpturenpark vor der Kunsthalle, nur die Elektro- und Sanitär-Installationen fehlen. Innen erlebt man, dass die Geometrie trügt. Fujimoto hat einen unregelmäßigen Hohlraum geschaffen, eine Art Höhlenzug durch den Holzstapel. So ergeben sich Auf- und Durchgänge, man kann Balken als Ablage oder Sitzgelegenheit nutzen. Möbel werden überflüssig, der Bewohner entscheidet, wie er den Raum nutzt.

Fujimoto, 1971 in Hokkaido geboren, orientiert sich an der Natur. Das führt unter Umständen zu Problemen. Für die Bielefelder Ausstellung reagiert er auf die Kunsthalle, die der US-Architekt Philip Johnson (1906–2005) entworfen hatte. Dass man durch die Fensterfront im ersten Stock auf Baumkronen blickt, hat Fujimoto angesprochen – kein Wunder, wenn man die unregelmäßigen, überraschenden Verzweigungen als Vorbild für Häuser betrachtet. So stellte er seine Modelle auf kleine Ständer frei in den Raum, wie einen Schaubusch, durch den der Besucher streift. Was bei den oft fragilen Objekten die Aufsichten in große Not bringen kann. Charmant ist es allemal, gleichsam durch den Ideenwald Fujimotos zu streifen, wo etwas zusammengeknülltes Papier Ausgangspunkt eines Projekts sein kann.

Manche von Fujimotos Lösungen für Baufragen würden in Deutschland nie genehmigt. Da gibt es zum Beispiel das Wohnhaus in Tokio, das der Architekt auf nur 62 Quadratmetern Grundfläche plante. Es hat keine Wände, nur eine Glashülle und verschiedene horizontale Plattformen, die für Wohnbereiche stehen und durch Stufen verbunden sind. Die erdbebensichere Konstruktion ist an Stahlträgern aufgehängt. Blickschutz bieten Vorhänge. In einer dicht besiedelten Metropole wie Tokio, wo Häuser oft eng und dunkel sind, wird diese Transparenz als befreiend erlebt. Der Bewohner, heißt es, möchte sein Zuhause am liebsten nicht verlassen.

Fujimotos Bauen löst die Grenzen zwischen Innen- und Außenraum auf. In den Modellen deutet er oft Bäume in den Häusern an. Baukörper werden nicht von den Außenmauern her definiert, sondern als Zusammenballung kleinerer Elemente, als Haufen aus Zimmern sozusagen. Eine Fotoinstallation vermittelt einen Eindruck einer Universitätsbibliothek für die Musashino Art University, die Fujimoto komplett aus Regalelementen konstruierte, wieder unter einer Glashaut.

Mag sein, dass man nicht dauerhaft im „Tokyo Appartment“ wohnen mag, das aussieht wie ein chaotischer Stapel aus Schrebergartenhäuschen. Und auch das „Final Wooden House“ ist für den Familienalltag durchaus eine Herausforderung. Aber diese Gebäude abseits des Möbelhaus-Pragmatismus und jenseits der Bauhaus-Funktionalität öffnen Fantasieräume im Kopf.

Die Schau

Anregende Präsentation eines der wichtigsten jungen Architekten Japans: Sou Fujimoto – Futurospektive Architekturin der Kunsthalle Bielefeld. Bis 2.9., di – so 11 – 18, mi bis 21, sa 10 – 18 Uhr,

Tel. 0521/ 32 999 500, http://www.kunsthalle-bielefeld.de, Katalog in Vorbereitung

Quelle: wa.de

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