James Freys Roman „Das letzte Testament der Heiligen Schrift“

Von Ralf Stiftel ▪ Wie wäre es, wenn im New York von heute der Messias erschiene? Schon als er das Christentum begründete, wirkte Jesus wie ein Radikaler, der verspottet und verhöhnt wurde. Aber in der Ära des Internets und allgegenwärtigen Medien? Der US-Schriftsteller James Frey malt es aus. Er schreibt der Bibel eine Fortsetzung: „Das letzte Testament der Heiligen Schrift“. Der erscheint, heißt Ben Zion Avrohom, ist Jude, Nachfahre von Überlebenden des Holocaust.

Dieser Roman, im Original 2011 erschienen, hat das Zeug zum Aufreger. Ben Zion nennt die Religion den „haltbarste(n) Schwindel der menschlichen Geschichte“. Er ätzt gegen „die römischen Katholiken, die amerikanischen Evangelisten und die fundamentalistischen Moslems“, aber gegen alle anderen auch: „Sie haben alle Unrecht. Sie sind entweder Sklaventreiber oder Sklaven, die Dinge anbeten, welche nicht existieren.“ Der neue Messias erweist sich als schärfster Kritiker derjenigen, die ihn gern benutzen würden. Da setzt Frey politische Akzente von satirischer Schärfe, und er hat in US-Medien bereits gesagt, dass die religiöse Rechte diesen Jesus nicht lieben wird. Ben Zion versteht Liebe überaus irdisch und gründet eine Landkommune, in der freier Sex mit Frauen und mit Männern ausgelebt wird. Frey geht dabei gern ins Detail. Alle Reizthemen der religiösen Rechten von Homosexualität über Abtreibung bis zur Schöpfungslehre kommen zur Sprache, und selbstverständlich vertritt der Heiland liberale Positionen.

Der Autor James Frey allerdings, 1969 in Cleveland, Ohio, geboren, hat auch seine Vorgeschichte. Er wurde mit einem Skandal berühmt. Seine ersten beiden Bücher verarbeiten autobiografische Erfahrungen mit Drogen, Alkohol und Entzug. Kein Verlag wollte sie als Roman drucken. Frey gab seinen Erstling, „A Million Little Pieces“ (2003), als Autobiografie aus, kam in Oprah Winfreys Talkshow und hatte einen Bestseller. Bis 2006 aufgedeckt wurde, dass die spektakuläre Drogen- und Verbrechenskarriere erfunden war. Oprah Winfrey brach daraufhin mit dem Autor. Inzwischen hat er sich als Romancier etabliert.

Was das nach dem Alten und Neuen nun „Letzte Testament“ so reizvoll macht, ist weniger die Provokation als die Ernsthaftigkeit. Frey hat sich in Bibel und Geschichte eingearbeitet. Nirgends lässt er Ben Zion sagen, er sei Sohn Gottes. Er lässt sogar unaufgelöst, ob seine Figur wirklich der Heiland ist. Für alle Ereignisse gibt es auch eine weltliche Lesart. Am Anfang erleidet Ben Zion einen Unfall, eine riesige Glasscheibe fällt auf einer Baustelle auf ihn und verletzt ihn am Schädel. Wundersamerweise gesundet er. Er hat epileptische Anfälle, in denen er mit Gott spricht, wie er sagt. Er kann, ohne sie gelesen zu haben, heilige Schriften vieler Religionen aufsagen. Er entwickelt psychotherapeutische Talente, schlägt mit seinem Charisma selbst einen FBI-Agenten und einen Priester in seinen Bann. Einen objektiven Beweis aber bietet der Autor dem Leser nicht an. Dafür charakterisiert er seine Figuren wunderbar einfühlsam. Der Priester Markus zum Beispiel leidet unendlich unter dem Autoritätsverlust der katholischen Kirche durch Korruption und Skandale. Und die verhuschte Kleinbürgerin Judith, die so unter ihrem Übergewicht und ihren Komplexen leidet, wächst einem schnell ans Herz.

Der Erlöser bleibt auch unscharf, weil der Leser ihn durch die subjektiv eingefärbten Augen von 13 Zeugen erblickt. Sie tragen biblische Namen, und ihre Aussagen wirken wie Evangelien. Aber hier berichten fehlbare, beeinflussbare Menschen. Da ist Maria Magdalena, eine cracksüchtige alleinerziehende Mutter, Puertoricanerin, Hure, mit der er später zusammenleben wird, „als wären wir verheiratet, aber ohne uns zu hassen“. Da ist ein Rabbi, ein Anwalt, eine Ärztin, ein obdachloser Rebell, der als Prophet mit Gefolgsleuten in Tunneln lebt. Sie alle haben ihre eigene Stimme, und es ist der Geniestreich der deutschen Ausgabe, dass jeder von ihnen einen eigenen Übersetzer bekam, darunter prominente Schriftsteller wie Juli Zeh, Zoe Jenny und Klaus Modick. So liegen tatsächlich Welten zwischen der reflektierten Sprache, die Charles Lewinsky dem Rabbiner Adam verleiht, und dem Ghettoslang, den Harry Rowohlt dem Gangchef Matthäus in den Mund legt mit „Scheiße“ mindestens in jedem zweiten Satz.

Frey bringt seine Episode 3 des biblischen Geschehens zu einem stilsicheren Ende, tragisch für den Erlöser und doch mit einem Moment von Hoffnung. Er will mit seinem Evangelium gewiss keine Jünger gewinnen. Aber als Geschichtenerzähler erweist er sich seinen Vorgängern durchaus als ebenbürtig.

James Frey: Das letzte Testament der Heiligen Schrift. Verlag Haffmans & Tolkemitt, Berlin. 448 S., 19,95 Euro

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare