Jakob Arnold inszeniert „Woyzeck“ in Bochum

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Der Doktor hat genug Erbsen zur Hand: Sophie Killer und Helge Salnikau in „Woyzeck“ in Bochum.

BOCHUM - Woyzeck drückt sein Gesicht in den roten Stoff. Er breitet das Kleid auf einer Bank aus, setzt sich darauf, legt die Ärmel um sich. Die ganze unglückliche Liebe des Titelhelden in Georg Büchners Drama läuft ohne Worte ab, als Pantomime zu einer ruhig voranschreitenden Spieluhrmusik. Marie tritt noch gar nicht auf, wird durch roten Stoff vertreten.

Der junge Regisseur Jakob Arnold inszeniert den Klassiker am Bochumer Prinzregenttheater, minimalistisch, mit nur zwei Darstellern. Und obwohl das stumme Spiel zur verträumten Musik von Alexandra Palamaroudas eine Viertelstunde währt, kommt das ganze Stück mit 70 Minuten aus. Schon diese Konzentration ist eine große Leistung.

Das Bühnenbild von Fivos Theodosakis kommt mit langen Plastikbahnen aus, die wie Vorhänge den Raum aufgliedern. Arnolds Inszenierung unterstricht die böse Absurdität der Handlung, zu der Büchner sich von einem realen Kriminalfall inspirieren ließ. Helge Salnikau spielt Woyzeck mit der ganzen Gequältheit des Außenseiters, der von allen Seiten nur Demütigungen erfährt. Mit großer Intensität zeigt er die Verletzungen und die unterdrückten Gefühle, mal in der hektischen Motorik des „Irren“, der den Boden nach Geräuschen abhorcht und das Ohr dabei kriechend über das Parkett führt, der an die Wände springt und dagegen trommelt, der auf die provokanten Fragen des Hauptmanns nur von dem stammelt, was ihm fehlt: „Geld, Geld, Geld.“ Er bekommt auch noch Textpassagen anderer Figuren wie das trostlose Märchen, das die Großmutter den Kindern erzählt. Bei Salnikau wird es zum atemlosen, kaum verständlichen Wortschwall des Nihilismus. Hinreißend auch, wie er in der umgedeuteten Jahrmarktszene vom Conferencier vorgeführt wird wie der Akteur einer Casting-Show. Zaghaft, stockend beginnt er zu singen, gewinnt dann Sicherheit bei der Ballade: „Wonderful World“. Welch zynischer Kommentar zu seiner verlorenen Existenz.

Sophie Killer schlüpft in alle übrigen Rollen. Als glatter Marktschreier biedert sie sich an mit den Phrasen des Showgeschäfts, vom „Oh my god“ mit langen Pausen zwischen jedem Wort bis zum pathetischen: „Du hast uns eben deine Seele geschenkt.“ Sie ist auch der Hauptmann, kalt, gleichgültig, aber nicht mal gemein. Den Doktor spielt sie im Fatsuit. Breitbeinig wankt sie auf Woyzeck zu. Die Erbsen, von denen sich eigentlich das Versuchsobjekt Woyzeck ausschließlich ernähren soll, die schüttet sie sich aus Dosen schubweise in den Mund, dass sie gleich wieder herausquellen. Dieses Trumm im weißen Kittel ist ebenso komisch wie in seiner Willkür gefährlich. Und dann Marie: Hier keine alleinerziehende Mutter, kein gefallenes Mädchen aus der Unterschicht, sondern eine Verführerin ganz in rot, eine, die mit dem Publikum flirtet, die Männerherzen bricht, selbst wo sie für den löwenhaften Tambourmajor schwärmt. Diese Frau erscheint so stark, man mag kaum glauben, dass sie hier das Opfer wird.

Viel Beifall für eine originelle Deutung, die sehr viel Woyzeck in kaum mehr als eine Stunde packt.

27., 28.1., 17., 18.2.,

Tel. 0234/ 77 11 17,

www.prinzregenttheater.de

Quelle: wa.de

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