100 Jahre Theater Hagen: Interview mit Intendant Norbert Hilchenbach

+
Festprogramm mit Augenzwinkern: Hagens Intendant Norbert Hilchenbach.

HAGEN–100 Jahre alt wird das Theater Hagen. Eine Zeit ohne Finanzprobleme hat es kaum erlebt. Intendant Norbert Hilchenbach musste in den vier Jahren seiner Amtszeit bereits Kürzungen von 1,5 Millionen Euro verkraften.

Er erwartet weitere Sparforderungen, denn die Stadt Hagen steht in der Haushaltssicherung. Umso bemerkenswerter sind die ambitionierten Produktionen und die hohe Auslastung des Theaters. 180 000 Besucher kommen jährlich, jeder Vierte aus dem Umland. Drei Millionen des 15-Millionen-Euro-Etats erwirtschaften die vier Sparten Musiktheater, Orchester, Ballett, Kinder- und Jugendthater selbst – ein Spitzenwert im Bundesvergleich. Elisabeth Elling sprach mit Norbert Hilchenbach.

Wie arbeiten Sie unter ständigen Sparvorgaben?

Hilchenbach: Eigentlich müssten wir abends vor den Vorhang treten und sagen: „Schön, dass Sie gekommen sind, aber hier gibt es nix“ – um unsere Lage konsequent zu schildern. Das machen wir natürlich nicht, aber es ist schwer. Dennoch haben wir die Zuschauerzahlen gesteigert. Wir haben es geschafft, dass das Publikum nicht denkt: Das kann ja nichts mehr sein bei denen.

Ein Gutachten zeigt, wie wenig Sparpotenzial es noch gibt: Es droht die Schließung einer Sparte oder gar eine Zukunft als Gastspielstätte.

Hilchenbach: Überall, wo wir etwas machen konnten, ist es geschehen. Man kann sagen, das Haus hat sich effektiv aufgestellt. Im Kleinklein ist nichts mehr zu holen, das geht jetzt ans Eingemachte. Wenn richtig gespart werden soll, kommen Kinder- und Jugendtheater und Ballett nicht in Frage. Man hätte Einnahmeverluste, und am Ende wär’s eine Nullnummer. Dann muss man also ans Musiktheater, das dieses Haus trägt. Wenn man das schließt, dann ist hier kein Theater mehr.

Was brächte denn die Umwandlung des Theaters vom städtischen Regiebetrieb in eine GmbH, die Sie fordern?

Hilchenbach: Wir könnten eigenständiger wirtschaften und 650 000 Euro jährlich einsparen, indem wir Dinge, die wir von der Stadt abnehmen, auf dem freien Markt einkaufen, wie Internet, Telefonie, Lohnabrechnungen.

Aber so werden Kosten bloß verschoben. Die Stadt würde kein Geld sparen...

Hilchenbach: Das ist das Problem. Aber auf der anderen Seite geht es ja darum, dass der Theaterbetrieb noch mehr sparen soll. Hier gäbe es die Möglichkeit, als Institut preiswerter zu sein.

Sie gehören zu den Gründern der NRW-Intendantenkonferenz, die vom Land eine dauerhafte Unterstützung fordert. Wie sind die Chancen?

Hilchenbach: NRW ist das einzige Bundesland, dass die kommunalen Theater so gering unterstützt. Ehe ich nach Hagen kam, war ich in Osnabrück. Das Budget war nahezu gleich, nur hat das Land Niedersachsen, das nicht sonderlich spendabel ist, über 30 Prozent gegeben. Das heißt, Osnabrück musste für ein gleiches Theaterbudget wie in Hagen 30 Prozent weniger aufbringen.

4,5 Millionen Euro stellt das Land als einmalige Hilfe bereit. Zwei Millionen Euro benötigte allerdings allein schon Ihr Haus: Diese Haushaltslücke hat die Stadt Hagen mit einem Hinweis auf NRW-Zuschüsse zugedeckt.

Hilchenbach: Man soll nicht undankbar sein, das ist klar. Aber 4,5 Millionen sind nicht viel Geld, wenn es darum geht, 18 Theater und dazu ein paar selbstständige Orchester zu beglücken. Hagen erhält 329 000 Euro, davon 200 000 Euro Zulage für notleidende Kommunen. Den kriegen auch Wuppertal, Oberhausen und Duisburg. Dagegen ist gar nichts zu sagen, aber nehmen Sie Aachen: Die stecken noch nicht in der Haushaltssicherung, haben aber die gleichen Probleme wie wir. Die können natürlich nicht nachvollziehen, warum sie weniger erhalten. Das Schauspielhaus Oberhausen hat jetzt als einziges NRW-Theater einen Landesanteil von zehn Prozent. Hagen liegt bei fünf Prozent. Aber es ist noch die Frage, ob das Geld uns erreicht oder ob es die Bezirksregierung einbehält. Es wird auch Kommunen geben, die ihren Zuschuss reduzieren.

Wie sehen Sie vor diesem Hintergrund die NRW-Kulturpolitik mit dem großen Leuchtturm Ruhrtriennale?

Hilchenbach: Das Thema kommt immer wieder hoch, auch in der Intendantenkonferenz. Das Geld, das in die Triennale geht, fehlt woanders – es wird ja nicht frisch gedruckt. Aber wenn man weiß, dass es Probleme gibt in der Theaterlandschaft eines Bundeslandes, dann muss man vorsichtig sein, eine Leuchtturmpolitik zu betreiben. Das heißt automatisch, dass es um den Leuchtturm herum dunkel wird. Das trifft weder mein Einverständnis noch das der Kollegen.

Ihr Theater ist eng verbunden mit der Bürgerschaft, hat Sponsoren, einen Förderverein, eine Bürgerstiftung. Spiegelt es auch die Probleme der Stadt?

Hilchenbach: Die Stadt hat unter anderem die Schwierigkeit, dass sie über 40 000 Einwohner verloren hat und diese Entwicklung anhält. Der Migrantenanteil ist hoch, bei den Kindern und Jugendlichen über 50 Prozent. Wir greifen das auf, soweit wir können, indem wir etwa mit Migrantengruppierungen zusammearbeiten. Das Theater hat in den letzten 20, 25 Jahren – nicht nur hier in Hagen – viele Aufgaben mit übernommen, ohne dass es dafür ausgestattet wurde. Man hat sich das irgendwo aus dem Fleisch geschnitten.

Gehört ein Stück wie „Gegen die Wand“ in diesen Zusammenhang?

Hilchenbach: Natürlich. Aber nur zu sagen, das hat was mit Migration zu tun und deshalb machen wir das, wäre zu einfach. Das Entscheidende ist, dass es eine tolle Oper ist und viele Qualitäten hat.

Sie bringen viele zeitgenössische Werke auf die Bühne, vor allem amerikanische Opern.

Hilchenbach: Ja, wir wollen kein Gefälligkeitstheater, so nach dem Motto: Wir machen es Euch doch schön – da wollt Ihr uns doch hoffentlich nicht weh tun?!

Zum Geburtstag inszenieren Sie Loriots „Ring an einem Abend“. Ein Kommentar zur Lage des Hauses? Wagners Ring gekürzt, konzertant – und auf dem Plakat sitzt bloß ein Mops auf dem Sofa?

Hilchenbach: Zu Jubiläen gibt es in der Regel etwas Gediegenes – „Fidelio“ wird gern genommen, womit ich nichts gegen „Fidelio“ sagen will. Aber das passt nicht zu uns und würde mir auch zu sehr alles negieren, was wir an Problemen haben. So sind wir auf Loriot gekommen. Und wer es so verstehen möchte: Wir sparen ja auch da. Das passt situationsmäßig zu uns, aber auch prinzipiell, weil wir gern dieses Augenzwinkern machen.

Das Festprogramm

Vom 5. bis 9. Oktober wird im Großen Haus und im Theaterzelt gespielt. Ein Auszug aus dem Festprogramm:

5. Oktober

Ohne Limit: Münchner Lach- und Schießgesellschaft (19.30 Uhr)

Batida Diferente: Bossa Nova, Samba, Jazz, Pop (22 Uhr)

6. Oktober

Was soll das ganze Theater: WDR 3-Kulturpodium (16 Uhr)

7. Oktober

Buntes Programm mit Kostümversteigerung, Poetry Slam, Swingmusik, Ballett (17 Uhr)

Ehrensache: Jugendtheaterstück von Lutz Hübner (23.59 Uhr)

8. Oktober

Buchvorstellung „Affentheater“ mit Sängerin und Fotografin Dagmar Hesse (16.30 Uhr)

Der Ring an einem Abend: Musik von Richard Wagner, Sprechtexte von Loriot (19 Uhr)

9. Oktober

Internationales Oktoberfest (12 Uhr)

AIDS Tanzgala (19.30 Uhr)

http://www.theaterhagen.de

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare