Jacques Henri Lartigue im Picasso Museum Münster

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Schöne Augen, weite See: Mary Belewski wurde von Jacques Henri Lartigue 1941 in Cap d‘Antibes fotografiert. ▪cation, France

Von Achim Lettmann ▪ MÜNSTER–Es ist nur ein Moment, den Jacques Henri Lartigue einfängt. Der Fotograf ist mal wieder in Cap d‘Antibes und schaut auf Mary Belewski, eine der zahlreichen Schönheiten, die ihm begegnet sind. Sie wendet ihren Blick ab und wirkt gerade deshalb bezaubernd – unter der Maskerade einer Badenixe mit Taucherbrille. Hinter ihr öffnet sich das Meer, weit und sehnsuchtsvoll. Im Graphikmuseum Picasso in Münster sind solche Schnappschüsse von Jacques Henri Lartigue zu sehen. Und sie machen Lust auf Sommer und Sonne.

„Côte d‘Azur – Das Paradies auf Zeit“ zeigt rund 170 Fotografien von 1908 bis in die 70er Jahre. Die Ausstellung kam mithilfe der Association der Freunde Lartigues und dem französischen Kultusministerium zustande. Das Picasso-Museum bietet einmal jährlich eine Schau zur Fotografie. Nach Robert Doisneau, Lucien Clergue und Henri Cartier-Bresson ist nun der vierte Fotograf aus Frankreich ausgestellt.

Jacques Henri Lartigue (1894-1986) konnte nicht anders. Sein Vater hatte eins der größten Privatvermögen der Republik angehäuft und wollte, dass seine Kinder nicht lernen, wie man Geld verdient, sondern wie man es ausgibt. Seinem Sohn schenkte er mit sieben Jahren eine Fotokamera. Fortan sollte ihn dieses technische Instrument zur Bilderzeugung begleiten. Er studierte in Paris an der Académie Julian und dokumentierte sein sorgenfreies Leben. Er war ein mondäner Dandy.

Anfangs heftete Jacques Henri die Fotos in große Alben, die im Hause Lartigue nach dem Abendessen zum Amüsement gereicht wurden. Dann lieferten die Bilder Vorlagen für die Malereien des jungen Mannes. Und eigentlich sollten diese Fotos im Privaten bleiben. „Meine Fotografien sind für immer nutzlos“, sagte Lartigue, „ich zeige nur, was mich interessiert.“ Und den Lebemann interessierten Frauen, schnelle Autos, Schiffe, Flugzeuge, einsame Strände, Künstler und die noble Gesellschaft. Er lebte in Hotels, bevorzugte die Côte d‘Azur und stellte irgendwann in einem Brief fest, dass sie verloren ging, die Belle Epoque am Mittelmeer. Das war in den 50er Jahren und mit dieser Einsicht sind die Fotografien in Münster ausgestellt. Wo heute der Massentourismus die Landschaften verbraucht und die Buchten übervölkert, da war Jacques Henri Lartigue mit seiner Kamera. Er dokumentiert nicht den Wandel sondern hält fest, was ihn erfreut hat. „Lola et Bibi“ in Cap d‘Antibes, 1921, gut gelaunt am Strand. Renée 1930 in Cannes. Das Model rumännischer Abstammung sitzt, posiert ganz moderne Frau in weiten Schlaghosen. Sie sollte seine Muse werden, Bibi war bereits seine Frau. Die Mutter ist mit Sohn Dani auf einem Bild von 1923 in Cannes zu sehen, das die Familienidylle zeigt.

Jacques Henri Lartigue war ein „geschliffener Ästhet“, wie ihn Museumsleiter Markus Müller nennt, und er war der erste „Amateurfotograf Frankreichs“, wie er 1953 bezeichnet wurde. Und damit ein Dilettant im besten Sinne. Denn der ästhetische Eigenwert der Fotografie kommt bei Amateuren besser zur Geltung als bei Profis, war eine Meinung, der sich auch John Szarkowski anschloss. Der zweite Kurator für Fotografie am New Yorker Museum of Modern Art stellte rund 40 Bilder von Lartigue 1963 aus und machte den Franzosen schlagartig bekannt. Das half ihm in Frankreich erstmal wenig, aber als sich Präsident Valéry Giscard d‘Estaing für ihn als offiziellen Fotografen entschied, sollte sein später Ruhm gefestigt sein.

„Ich mache meine Fotos, um vor Augen zu haben, was ich als mein ,Glück‘ verstehe“, sagte Lartigue 1919. Ein Porträtbild zeigt ihn im selben Jahr mit warmer Jacke am Meer. Selbstsicher, zufrieden und mit der Zuversicht ein volles Leben vor sich zu haben.

Was für ein Typ er war, bleibt uns verschlossen. Aber es bleiben elegante Bilder. Von „Florette“, die nackt und mit ihrer weißen Haut in der dunklen Bucht 1942 wie die Perle in einer Auster aussieht. Von Picasso, den Lartigue 1955 in Cannes traf und beobachtete, wie sich der Künstler von Jeanne Creff umsorgen ließ. Der bekennende Hypochonder hatte einen verspannten Nacken.

Lartigue fotografierte auch kurze Serien. Nicht nur von Picasso, auch von der Tennislegende Suzanne Leylen, die 1915 in Nizza spielte und sich sehr sportlich bewegte. Lartigue gefiel der Augenblick, den die kurze Belichtungszeit der Kamera ermöglichte. Er war von der Technik begeistert und kaufte alle ein bis zwei Jahre einen neuen Fotoapparat. Geschwindigkeit war für ihn ein Faszinosum und ein Lebensgefühl, wie es die italienischen Futuristen zu ihrer ästhetischen Religion stilisierten. Ein großer Menschenfotograf war Lartigue nicht, nur einmal lichtete er immigrierte Ungarn 1957 auf dem Bahnhof in Nizza ab. Sie wirken verlassen und leidend.

Mehr Aufnahmen gibt es von der High Society. Von John F. Kennedy in Cap d‘Antibes 1953, von Kirk Douglas 1955 in Monte Carlo, von Grace Kelly und Fürst Rainier 1956. Aber da ging sie schon verloren, die schöne exklusive Epoche an der Côte d‘Azur.

Die Schau

Eleganz, Schönheit und verflossene Welt am Mittelmeer.

Côte d‘Azur – Das Paradies auf Zeit. Jacques Henri Lartigue im Picasso-Museum Münster.

Bis 22. August; di-so 10 bis 18 Uhr; Tel. 0251 / 41447 10

Quelle: wa.de

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