Jacob Collier begeistert beim Klavierfestival Ruhr

Diesen Song der ganzen Welt: Jacob Collier in Gelsenkirchen. Foto: Christoph Giese

Gelsenkirchen – Das erste Instrument, das Jacob Collier spielt, ist das Publikum. Er hebt beide Arme, und alle im Gelsenkirchener Musiktheater im Revier heben ihre Stimmen. Er senkt die Hände – sie nehmen die Stimmen zurück. Er teilt ohne viele Erklärungen, nur mit ein paar Gesten, den Saal in Gruppen, gibt die Töne eines Akkords vor. Fertig.

Dann erst setzt er sich ans Piano, stimmt einige Töne an. Doch nach ein paar Takten schon springt er auf, dreht sich zu den Trommeln und haut rein, um gleich zum Tamburin zu greifen und nach vorn zu springen. Bei alldem singt er unentwegt. Ein Kobold, der hin und her huscht wie eine Figur aus einem Fantasyfilm.

Eigentlich ist Jacob Collier für das Klavierfestival Ruhr nur Ersatz, Zweitbesetzung für die japanische Pianistin Hiromi, die 2016 das Publikum in Hattingen schwindelig spielte. Hiromi sagte ab, sie erwartet ein Kind. Collier legte zwischen dem Kongsberg Jazzfestival in Norwegen und dem Montreux Jazzfestival in der Schweiz einen Zwischenstopp im Revier ein. Das Klavierfestival hat ausgesprochen Glück mit der Zufallsfügung: Collier hat gerade einen richtigen Karriereschub. Und er erweitert das musikalische Spektrum deutlich in Richtung Pop.

Berühmt wurde der 1994 geborene Londoner vor acht Jahren. Da hatte der Musiknerd eigene Versionen bekannter Hits als Video ins Internet gestellt, bei denen er alle Instrumente selbst spielte, alle Stimmen sang. Inzwischen ist er beim Major-Label Universal unter Vertrag und tourt rund um den Globus.

Schon seine eingespielten Musikbasteleien sind umwerfend. Wie er das aber mit Schlagzeuger Christian Euman, Bassist Robin Mullarkey, Sängerin und Gitarristin Maro live realisiert, das ist ein Zirkusstück an Virtuosität, das man nicht glaubte, hätte man es nicht gesehen. Wie er Burt Bacharachs „Close To You“ mit einem Funk-Groove aufpeppt, wie er mit Rechnerhilfe allein die Close-Harmony-Sätze des späten Swing zu ätherischen Klangräuschen aufschäumt, wie er seine Stimme über den Vocoder die fiepsigen Synthesizer-Sounds des 1970er-Smooth-Jazz nachdudeln lässt, das drückt das Publikum vor Staunen nur so in die Sitze. Gershwins „Fascinating Rhythm“ lässt Collier wie eine Sambaschule beginnen, alle Musiker trommeln und tuckern. Vor seine Ballade „Ocean Wide, Canyon Deep“ setzt er eine ergreifende Fassung des Folksongs „Danny Boy“.

Allerdings hat dieser famose Musiker auch (noch) Schwächen: Seine Arrangements bezaubern. Seine Stunts an den Instrumenten verblüffen. Das Publikum charmiert er aufs Feinste (wenn auch etwas zu oft). Aber ein großer Komponist, ein Melodienkünstler ist er nicht. Die Ballade war um einige Strophen zu lang. Was soll‘s? Von diesem Trickser lässt man sich gern in einen Chorknaben verwandeln.

Quelle: wa.de

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