25 Jahre Kinofest Lünen: Das große Interview

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Auf der Couch im Festivalbüro: Michael Wiedemann und Kathrin Bessert leiten seit zehn Jahren das Kinofest Lünen und freuen sich auf die Jubiläumsausgabe.

LÜNEN - Vor 25 Jahren startete das Kinofest Lünen als Spielstätte für den deutschen Film. Im kleinen Lichtburg-Kino mit den zwei Leinwänden feierten deutsche Filme Premiere. Bereits seit 2002 in der Cineworld, wird das Jubiläum nun im Multiplexkino gefeiert. Vom 13. bis 16. November sind viele Kinder-, Kunst-, Krimi-, Komödien- und Kurzfilme, aber auch Dramen, Thriller und Musikfilme zu sehen. Michael Wiedemann und Kathrin Bessert führen seit zehn Jahren das Festival. Mit ihnen sprach Achim Lettmann.

Das Kinofest ist ein besonderes Ereignis in Lünen. Was ist Ihr Selbstverständnis als Festival im Filmland NRW?

Gut zu wissen

Das Kinofest erwartet rund 90 Gäste aus der Filmbranche: Henriette Confurius („Die geliebten Schwestern“), Katharina Wackernagel („Contergan“), Jochen Nickel („Bang, Boom Bang“), Anna Schudt (Tatort: Dortmund), Brigitte Janner („Rote Rosen“), Hans W. Geißendörfer („Lindenstraße“).

Vom 13. bis 16. November sind über 50 kurze und lange Filme zu sehen. Das Programm steht unter www.kinofest-luenen.de

Karten gibt es im Kino Cineworld, Tel. 01805/24 63 96

www.cineworld-luenen.de

Michael Wiedemann: Deutsche und deutschsprachige Filme ans Publikum zu bringen, die nicht automatisch oder selbstverständlich in den großen Kinopalästen laufen.

Kathrin Bessert: Mit dem großen Wettbewerb, der Lüdia, wollen wir schwerpunktmäßig den deutschen Filmnachwuchs fördern.

Das Festival ist in den Jahren gewachsen. Es gibt internationale Partnerschaften, verschiedene Filmreihen. Wollen Sie noch größer werden?

Wiedemann: Wir finden es schön, größer zu werden. Aber wir setzen auf ein langsames kontinuierliches Wachstum. Wir haben uns keine riesigen Ziele gesetzt. Wir haben jetzt so 8000, ja 9000 Besucher. Wenn es 10 000 werden, habe ich nichts dagegen.

Was sind das für Impulse, wenn noch eine Filmreihe mehr im Programm gesetzt wird?

Wiedemann: Was wir ändern, das sind Themen, die sich ergeben. Zum Beispiel in den „extra-Reihen“. In diesem Jahr ist ein Thema Fotografie, da gibt es den neuen Wim Wenders Film „Das Salz der Erde“ zu sehen, und da finden wir einen guten Bogen zum Ruhrgebiet und nehmen noch den Film zu Bernd und Hilla Becher ins Programm.

Bessert: Wir haben über die Jahre gemerkt, was Sinn macht. Zum Beispiel die Reihe der „Lünen-Premieren“ fügt sich automatisch aus dem, was hier nicht zu sehen ist. Die Leute müssen nicht hundert Kilometer nach Düsseldorf fahren, um „Jack“ zu sehen, unseren Eröffnungsfilm.

Gibt es den Anspruch, einen Eröffnungsfilm zu zeigen, der allgemein noch nicht im Kino zu sehen war?

Wiedemann: Also, das ist für uns nicht der entscheidende Punkt. Wir sind kein Festival, das sich fett auf die Fahnen geschrieben hat, wir müssen dauernd Premieren machen. Nein, wir müssen Filme, die wir interessant finden, machen. Und wenn Sie auf „Jack“ zu sprechen kommen – was heißt, der war schon im Kino? Wo ist er in Deutschland gelaufen?

In Berlin.

Wiedemann: Ja, Berlin, Düsseldorf, ein paar Kopien ... Dieser Regisseur Edward Berger, das ist der Punkt, er hat vor 15, 16 Jahren die Lüdia gewonnen für seinen Film „Gomez – Kopf oder Zahl“. Einen Film zu zeigen von einem Regisseur, der in Lünen war, und zu zeigen, welchen Weg er genommen hat. Das ist der Punkt. Und das hat sich auch bewährt. Der Mensch aus Lünen ist neugierig auf solche Dinge. Und die Fragestellung nach der Premiere ist nicht vorrangig.

Das Kinofest Lünen geht mit seinem Siegerfilm nach Berlin und präsentiert sich auf der Berlinale. Was bringt das?

Wiedemann: Ich glaube, dass wir wahrgenommen werden in Berlin. Vom Festivalleiter Dieter Kosslick angefangen, zu dem wir eine sehr gute Verbindung haben. Es ist wichtig, wie sich das auch in den Reaktionen niederschlägt, dass wir dabei sind. Wir fühlen uns da wohl.

Bessert: Das ist auch gut für die Filmemacher, die ihren Film im Rahmen der Berlinale zeigen können. Sie werden bemerkt und können Leute einladen.

Auf der Berlinale ist der Stellenwert des deutschen Films immer wichtiger geworden. Spüren Sie als Festivalmacher die neue Aufmerksamkeit?

Bessert: Ja, es gibt immer mehr Festivals, die sich um den deutschen Film balgen. Ganz pragmatisch, das merken wir schon.

Das Festival ist von Elfriede Schmitt 1990 gegründet und mit Ute Teigler geführt worden. Damals war das Motiv, einfach deutsche Filme zu zeigen. Brauchen wir einen solchen Impuls heute noch?

Wiedemann: Das ist heute noch viel notwendiger. Wir haben heute noch viel mehr das Problem gegenüber 1990. Damals war ja noch Platz für Filme. Es war noch relativ einfach, Filme ins Kino zu bringen. Das Filmangebot ist wesentlich größer geworden. Die Kinos haben Probleme, die verschiedenen Filme unterzubringen. Unter dem Aspekt werden Filmfestivals immer wichtiger.

Jugendliche schauen Filme auf dem Laptop, kaufen sich DVDs und ziehen sich ganze US-Serien am Stück rein. Wie können Sie dieses Publikum fürs Kino begeistern?

Bessert: Ich glaube, das sind unterschiedliche Zuschauermengen. Gerade die jüngeren sind durch Fernsehen in den 60/70er Jahren schon vom Kinobesuch abgehalten worden. Jüngere Leute sind innovativ, sie nehmen das, was an neuen Medien da ist, wahr. Jugendliche ins Kino zu bekommen, war schon immer eine Herausforderung.

Versuchen Sie junge Leute auch über spezielle Themen ins Kino zu holen?

Bessert:  Unsere Jugendvorstellungen sind sehr gut angenommen. Wir haben 3000 Vorbestellungen in diesem Jahr, vorher waren es 1700 bis 1800.

Wiedemann: Im normalen Programm unter der Woche kommen Jugendliche nicht. Aber bei Schulvorstellungen ist viel Spaß und Freude. Da halten wir etwas wach bei den Schülern.

Komödien wie „Theo gegen den Rest der Welt“ oder „Die Heartbreakers“ haben früher noch soziale Themen angerissen. Was hat sich geändert bei Schweiger und Co.?

Wiedemann: Es hat sich was verändert. Das Schlagwortheißt Romantik-Comedy.

Bessert: Es gibt eine Tradition, die mit Filmen wie „Männer“ und „Der bewegte Mann“ begonnen hat. Til Schweiger hat damals mitgespielt, heute dreht er solche Filme. Diese Produktionen sind leicht konsumierbar, funktionieren aber im Ausland nicht. In Frankreich oder Brasilien versteht die neuen Filme niemand.

Wiedemann: Das war damals auch schon so. „Theo gegen den Rest der Welt“ verstand man in der Schweiz, wo er ja auch gedreht wurde, nicht. Humor ist national unterschiedlich. Schweiger und Schweighöfer kennt niemand im Ausland.

Bessert: „Good Bye Lenin“ und „Lola rennt“, diese Komödien haben weltweit funktioniert. Im Grunde haben wir fünf große Komödienmacher. Til Schweiger, Matthias Schweighöfer, Bully Herbig, Bora Dagtekin und Otto Waalkes mit den Zwergenfilmen, die immer laufen. Vielleicht kommt demnächst eine Frau dazu. Anika Decker, die für Til Schweiger die Bücher geschrieben hat, drehte im Sommer mit Elyas M’Barek „Traumfrauen“, ein Arbeitstitel, ich weiß nicht, ob der bleibt. Sie hat das gleiche Komödienkonzept.

Das Kinofest wird von regionalen Firmen der ProLünen, der NRW-Filmstiftung, der Sparkasse und der Stadt Lünen unterstützt. Wäre das nicht ein Fördermodell auch für andere Kommunen?

Wiedemann: Drei Viertel der Gelder kommen von Privatpersonen und aus der Stadt, ein Viertel sind Fördergelder. Zu wünschen wäre das allen, denn die Abhängigkeit von öffentlichen Mitteln ist immer so eine Sache. Aber das lässt sich nicht übertragen. Das ist seit vielen Jahren hier gewachsen. Das ist eine Besonderheit in Lünen. Das ist einmalig. Das hat was mit den Menschen hier zu tun und damit, was wir aufgebaut haben.

Quelle: wa.de

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