Interview mit Landschaftsarchitekt Ernst Herbstreit

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Ernst Herbstreit, 63 Jahre alt, studierte in Hannover Landschaftsarchitektur. Er führt seit 1984 in Bochum ein Büro für Landschaftsarchitektur als Teilhaber, seit 2005 als Gesellschafter. Herbstreit unterrichtete als Dozent an der Fachhochschule in Bochum (1985-90) und ist seit 1992 Vorstandsmitglied der Architektenkammer in NRW. ▪

DORTMUND ▪ Über die Lebensqualität in unseren Städten wird viel diskutiert. Parks und Grünanlagen, Shoppingcenter und Fußgängerzonen spielen eine wichtige Rolle. Was favorisieren Stadtplaner und Architekten? Auf der Zeche Zollern in Dortmund treffen sich heute Landschaftsarchitekten zum Thema „Spielräume für kommunale Freiräume“. Wie lassen sich in der Stadt noch werthaltige Plätze bauen? Landschaftsarchitekt Ernst Herbstreit spricht mit Achim Lettmann über Grün in der Stadt, die Kultur der Plätze und die Finanzprobleme der Kommunen.

Zechen und Fabriken schließen. Dadurch gibt es mehr Platz in den Städten. Sollten Parks und Grünanlagen die erste Option sein, um Freiräume zu gestalten?

Ernst Herbstreit: Sie können eine Option sein. Es geht natürlich auch um die wirtschaftliche Entwicklung dieser Brachen, um Vermarktung der Flächen – häufig auch mit Grüngestaltung. Das ist ja auch seit der Internationalen Bauausstellung Emscher-Park Standard geworden. Zum Teil wird mit Grün vorgerüstet, um die Flächen attraktiver für den Verkauf zu machen. Und um auf anderen Flächen, die wirtschaftlich nicht nutzbar sind, grüne Freizeitflächen anzulegen. Zum Beispiel wird in Hamm der ehemalige Schacht Franz zu einer grünen Freizeitfläche. Es sind viele Flächen so angelegt. Wie der Nordsternpark in Gelsenkirchen, wo damals die Bundesgartenschau war, oder in Lünen die Landesgartenschau.

Früher wurde dem Autoverkehr die Stadtplanung untergeordnet. Hat sich das geändert?

Herbstreit: Da bin ich mir nicht ganz so sicher. Wir streben danach, den öffentlichen Nahverkehr auszubauen, Stichwort Klimawandel. Aber das Auto ist nach wie vor Mobilitätsfaktor Nummer eins. Das muss man sehen. Wobei heute ökologische Untersuchungen und Umweltverträglichkeitsstudien die verkehrliche Infrastruktur flankieren. Zum Beispiel wird der Emscher-Schnellweg durch landschaftliche Mittel anders gestaltet als vor 30 Jahren.

Sie sprechen von der Parkautobahn A42. Wie ist das mit den Freiräumen in der City, wo früher Springbrunnen standen und heute moderne Kunst steht. Sind das urbane Ruhezonen?

Herbstreit: Ja, das würde ich schon sagen. Klar, dass die Geschäftswelt immer den Ruf nach Parkplätzen hat, das war schon zu Beginn der ersten Fußgängerzonen so. Aber es ist gerade im Sinne der Innenstadtstärkung wichtig, besondere Qualitäten zu bauen. Das ist ein Riesenthema im Augenblick: Kaufkraftverluste und Wanderungsbewegungen nach außen.

Gibt es heutzutage einen Trend in der Gestaltung von Innenstadträumen?

Herbstreit: Das Design hat sich stark verändert. Es ist wesentlich moderner geworden, in manchen Bereichen vielleicht klassischer im Sinne der klassischen Moderne. Verspielte Anlagen sind heute nicht mehr gefragt. Die Orientierung geht häufig nach Italien, wo es die großen freien Stadtplätze gibt. Aber wir haben zwar schon den Wein Italiens bei uns, aber nicht die Sonne. Deshalb muss man relativieren. Es geht immer um Aufenthaltsqualität, um Urbanität. Und Urbanität entsteht häufig durch Dichte, die wir so nicht haben. Und man muss sich davor hüten, solche verlorenen Plätze zu schaffen. Man muss die Plätze anreichern mit Gastronomie und ähnlichem, dass die Plätze am Ende belebt sind. Das ist das Entscheidende für jede Stadt, das Leben. Darauf richtet sich die Gestaltung aus, und dafür gibt es hervorragende Beispiele in Nordrhein-Westfalen und in Deutschland. Da müssen wir den internationalen Maßstab nicht fürchten.

Die Kultur der Plätze ist in Südeuropa besonders ausgeprägt. Ist das gute Wetter der einzige Grund?

Herbstreit: Das weiß ich nicht. Es liegt auch an der Stadtstruktur. Wir haben hier im Ruhrgebiet natürlich die Nachlässe der Industriekultur zu verarbeiten, aber auch die Kriegsschäden. In den 50er Jahren sind die Städte neu aufgebaut worden, da war die autogerechte Stadt ein Thema. Die stadträumliche Struktur, die Kleinteiligkeit wie in den Städten des Südens haben wir hier nicht. Das bildet sich an der Geschäftswelt ab. Wenn Sie in Italien unterwegs sind, dann sehen Sie, dass Rom eine unheimlich kleine Geschäftsstruktur hat. Das haben wir nicht. Wir sind hier beherrscht durch Konsumtempel und Ketten, die wenig Flair bieten. Der individuelle Einzelhandel, der das bieten würde, ist so nicht da.

Wie lassen sich denn Menschen auf Plätze locken, wenn Begegnungen immer mehr im Internet stattfinden? Kann der Platz in der Stadt ein Gegenmodell zur virtuellen Kommunikation sein?

Herbstreit: Wir werden die virtuelle Kommunikation nicht aufhalten. Gerade bei jüngeren Leuten. Das setzt sich durch. Zur städteräumlichen Qualität gehören mehrere Faktoren. Der städtebauliche Raum ist die Grundstruktur. Der Einzelhandel, die Gastronomie, auch die Kultur und der Faktor Wohnen gehört dazu. Wenn die Städte immer weniger bewohnt werden, dann ist klar, dass in den Innenstädten nichts los ist.

Muss das Leben in unseren Städten attraktiver werden? Eine Zeit lang bauten die Leute auf der grünen Wiese ihr Häuschen. Heute sind diese Einfamilienhäuser kaum noch nachgefragt.

Herbstreit: Es wird ja postuliert, dass es eine Gegenbewegung wieder „Zurück in die Stadt“ gebe. Ob die wirklich nachgewiesen ist, weiß ich nicht. Wenn man sich vorstellt, dass Leute vor 30 Jahren im Speckgürtel gebaut haben und wollen ihre Immobilie verkaufen und die ist nur noch die Hälfte wert, um sich dann in der Stadt teuer einzukaufen, das wird ein Problem werden. Auf der anderen Seite wäre es aus ökologischer Sicht wünschenswert, eine Tendenz zurück in die Stadt zu bekommen. Vielleicht lässt sich dies über neue Wohnformen erreichen – generationsübergreifend.

Freiräume in der Innenstadt wirken manchmal wie Plätze, die die Immobilienwirtschaft nicht verkaufen konnte. Gibt es eine notgedrungene Renaissance der Stadtplätze aufgrund wirtschaftlicher Schwächen?

Herbstreit: Das weiß ich nicht genau. Es gibt zum Beispiel Projekte in Leipzig und Berlin, wo Stadtbrachen mit Grün und temporären Modellen bespielt werden. Auch im Ruhrgebiet wird so agiert. Wie dauerhaft das ist, und ob sich daraus eine Verstetigung entwickelt, kann ich nicht genau beurteilen; das wäre aber wünschenswert. – Wir müssen zwischen den Großstädten und Klein- und Mittelstädten unterscheiden. Ich bin zum Beispiel in Warendorf tätig, und da ist es schwierig, gewisse Gebäude umzunutzen. Es stehen viele Gebäude leer, weil das eigentümergeführte Geschäftshaus heute nur noch selten funktioniert. Die Immobilienstandortgemeinschaft, wenn sich mehrere zusammentun, wäre ein Möglichkeit, um moderne Geschäfts- und Wohnqualitäten zu schaffen. Aber das ist ein schwieriger Prozess.

Viele Städte können nur noch mit EU-Geldern bauen. Lassen sich die Finanzprobleme eigentlich noch beherrschen, um gestalterisch zu wirken?

Herbstreit: Ich glaube, sehr schwer. Ein Großteil der Städte ist in der Haushaltssicherung, das heißt, erste Städte bekommen schon keine Kredite mehr für ihre laufenden Kosten, so dass wir dazu kommen, eine Projektförderung zu machen. Mit EU-Mitteln und soweiter. Das führt dazu, dass die geregelte Planung einer Stadt gar nicht mehr stattfindet. Die Städte schauen nur noch, wo gibt es Fördermittel und darauf wird das ganze abgestellt. Höchst kompliziert häufig, und meines Erachtens eine Geldvernichtungsmaschine. Wir haben aber Förderungsprogramme wie „Städtebauförderung“, die praktisch auch halbiert ist; wir haben das Thema „Soziale Stadt und Stadtumbau“. Es gibt Finanzierungsprogramme, um was zu machen. Aber, dass das Geld generell nicht reicht, bei Kanal- und Straßenbau, für alle Infrastrukturen, ich glaube, darüber sind wir uns einig.

Architektentag

„Spielräume für kommunale Freiräume“ ist der Titel des Landschaftsarchitektentages, der heute auf der Zeche Zollern in Dortmund stattfindet. Wie lassen sich Freiräume in den Städten trotz knapper Investitionsmittel umsetzen? Praktische Probjektbeispiele aus NRW-Städten und dem EU-Ausland werden vorgestellt.

Quelle: wa.de

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