Interview mit David Peace über „Tokio, besetzte Stadt“

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David Peace wurde 1967 in Yorkshire geboren. Nach dem Studium arbeitete er zunächst als Englischlehrer in Istanbul, später in Tokio, wo er 15 Jahre lang lebte, bevor er nach England zurückkehrte. Schon sein Debüt, „1974“, war ein großer Erfolg, die Romanserie um den Yorkshire-Ripper wurde von der BBC verfilmt. Seine Romane erhielten viele Preise. ▪

UNNA ▪ David Peace machte mit seinen Romanen um den Yorkshire-Ripper Furore. Für seinen Roman aus dem Nachkriegs-Japan recherchierte er mehr als zwei Jahre. „Tokio, besetzte Stadt“ handelt von einem Banküberfall im Jahr 1948, bei dem der Täter sich als Amtsarzt ausgibt, der alle Menschen einer Bankfiliale gegen die Ruhr impfen soll. Dann verabreicht er den Opfern Gift. Der britische Autor beschreibt grausame Verbrechen in einer poetischen Sprache. Ralf Stiftel traf den Autor in Unna und sprach mit ihm über Verbrechen, Japan und Religion.

Sie beschreiben ausschließlich Verbrechen, die wirklich verübt wurden. Wie fanden Sie die?

Peace: Ich habe die Verbrechen in einem Buch gefunden, „Schockierende Verbrechen der Nachkriegszeit“, ein Real-Crime-Buch. Ich wählte drei aus für meine Trilogie, die eine soziale und politische Dimension haben. Ich suche nach Verbrechen, weil es mir keinen Spaß macht, welche zu erfinden. Ich schreibe Bücher, um die Welt zu verstehen, in der wir leben. Ich sehe keinen Sinn darin, mir ein Verbrechen auszudenken.

Wie wirken solche Taten – wie im aktuellen Buch der Giftmörder, der eine Bank ausraubt – auf die Gesellschaft?

Peace: Diese Taten konnten nur während der amerikanischen Besatzung Japans geschehen. Der Täter betrat die Bank und sagt, dass eine Krankheit ausgebrochen ist. Das geht nur, weil damals überall Krankheiten grassierten, es herrschte Armut in den Nachwehen des Krieges. Er war Japaner, trug aber eine Armbinde der Besatzungsmacht. Darum glaubten die Leute ihm. Dieses Verbrechen könnte heute nicht mehr geschehen.

Sie schreiben keine typischen Krimis, an der Tätersuche zum Beispiel sind Sie nicht interessiert.

Peace: Richtig. Wer begeht ein Verbrechen? Normalerweise ist der Täter ein Mann, gelegentlich eine Frau, normalerweise ein Mann. Das wissen wir also. Wir müssen wissen, warum er es getan hat. Das fasziniert mich.

Ihr aktueller Roman ist vielleicht der politischste bisher. Es geht darin unter anderem darum, dass die Japaner im Weltkrieg an biologischen Waffen arbeiteten wie Pest oder Milzbrand. Wie präsent ist die Geschichte in Japan?

Peace: Ich habe 15 Jahre in Japan gelebt, meine Kinder gingen da zur Schule. Mein Eindruck ist, dass die Japaner dazu neigen, sich für die Opfer des Krieges zu halten. Der Grund sind natürlich vor allem die Bomben auf Hiroshima und Nagasaki. Ich erinnere mich, dass mein Sohn von der Schule heimkam und sagte: Ich kann nicht glauben, dass Amerika Tokio bombardierte und dass sie die Atombomben auf Nagasaki und Hiroshima geworfen haben. Ich betrachte das auch als Kriegsverbrechen. Aber er hatte keinen Kontext. Er verstand die andere Seite des Kriegs nicht. Der Unterschied zu Deutschland ist, dass hier jedes Kind den Horror des Naziregimes kennt. An der japanischen Schule unterrichten sie nicht, was die japanische Armee in China anrichtete, in Nanking, oder mit der Einheit 731. Aber in England gibt es auch keinen Unterricht über den Feuersturm auf Dresden, wir lernen nichts über die Taten der Kolonialzeit in Indien.

Ihre Bücher sind dunkel und pessimistisch. Da müssen Ihre Leser wohl stark sein...

Peace: Ich stimme zu, die Bücher sind sehr trostlos, düster. Man muss schon eine spezielle Art Leser sein, um sich dem auszusetzen. Man könnte ja auch fernsehen. Heute bedauere ich speziell „1974“, ich finde, das war zu viel. „1974“ ist das einzige Buch, in dem ich Dinge dazuerfunden habe. Zum Beispiel die Schwanenflügel, die dem kleinen Mädchen auf den Rücken genäht wurden. Da denke ich heute: Warum? Ein Mord ist schrecklich genug. Den musst Du nicht noch steigern. Aber von dem Buch bis heute ist es so: Ich lerne. Aber ich glaube, es gibt auch Hoffnung. Die Figuren versuchen, Verbrechen aufzuklären, sie wollen die Welt verändern, sie wollen verhindern, dass es wieder passiert.

Sie schreiben wie ein Lyriker. Warum?

Peace: Geschichtsbücher und Romane versuchen, eine Geschichte entlang einer geraden Linie zu berichten. Ich glaube, dass das Leben nicht so verläuft. Es ist fragmentiert, gebrochen. Ich sehe keinen Anfang, keine Mitte, kein Ende.

„Tokio, besetzte Stadt“ wurde inspiriert von Kurosawas Film „Rashomon“, jedes Kapitel ist in anderem Stil geschrieben.

Peace: Als ich „Tokio, besetzte Stadt“ anfing, in der Urfassung, hatte ich zwei Polizisten. Sie waren die Haupterzähler. Aber die Geschichte war sehr kompliziert, die Leute haben unterschiedliche Ansichten von den Ereignissen. Mit zwei Polizisten war es nicht möglich, den ganzen Fall darzustellen. Ich erkannte, dass ich viele Stimmen brauchte, um die Geschichte zu erzählen.

Ihr Stil erinnert mich an Gottfried Benns „Morgue“-Gedichte.

Peace: Den kenne ich nicht. Aber ein deutscher Einfluss auf das Buch war „Woyzeck“ von Büchner im Kapitel „Die neunte Kerze“. Außerdem Paul Celan, Ingeborg Bachmann, und einer meiner Lieblingsautoren ist Heiner Müller. Also es gibt einen starken deutschen Einfluss. Und Brecht.

Können Sie noch weitere Inspirationen nennen?

Peace: Die stärkste Anregung ist wohl T.S. Eliot. Aber wenn ich die Texte von Heiner Müller lese, dann treibt er die Moderne voran, es ist Modernismus, die moderne Art der Betrachtung. Das ist gerade nicht mehr sehr in Mode. Im britischen Roman heutzutage sind die Dinge oft ironisch, sarkastisch oder humoristisch. Meine Bücher nicht. Es ist zu ernst.

Sie schreiben in den Tokio-Romanen über das organisierte Verbrechen, immer ist da ein Gangsterboss.

Peace: Ich finde, Gangster repräsentieren eine deutliche Parallele zur kapitalistischen Art, wie unsere Gesellschaft funktioniert.

Ihre Bücher sind düster, aber die poetische Sprache ist schön. Welche Rolle spielt Schönheit bei Ihnen?

Peace: Schönheit muss sein. Es ist nicht alles dunkel. Das ist zu einfach. Leute tun auch schöne Dinge. Die meisten von uns haben eine Art privater Aussprache mit Gott, ich meine jetzt nicht einen biblischen, mosaischen oder islamischen Gott, und ich glaube, dass diese Aussprache schön ist und uns voranbringt. Ohne diesen Dialog würden wir aufgeben.

Sind Sie ein religiöser Mann?

Peace: Ich bete nicht mehr in einer besonderen Kirche. Das tat ich als Kind. Ich stamme aus einem ziemlich protestantischen Haus. Aber ich lese immer noch viel theologische Schriften. Und … ja, absolut, ich glaube an einen Gott. Und ich versuche, zu Gott zu sprechen und auf ihn zu hören.

Aber was ist das für ein Gott, der so schreckliche Dinge geschehen lässt?

Peace: Ich mache Gott nicht dafür verantwortlich. Er hat nicht die Macht, das zu verhindern, aber er versucht, uns zu helfen.

Das Buch

Ein Banküberfall ist Anlass zu einem literarischen Zeitbild, das den Zerfall einer Gesellschaft nach dem verlorenen Krieg, Kriegsverbrechen und den Umgang der Sieger damit schildert: David Peace: Tokio, besetzte Stadt. Deutsch von Peter Torberg. Liebeskind Verlag, München. 352 S., 22 Euro

Quelle: wa.de

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