Industriemuseum Petershagen zeigt Bauhaus und Jenaer Glas

Jede Pendelleuchte aus Jenaer Glas weist ein konstruktivistisches Dekor auf. Diese kantigen Ornamente zählten von 1923 bis 1939 zum Produktprogramm der Jenaer Glaswerke. Sie sind in der Glashütte Gernheim ausgestellt. Foto: lwl

Petershagen – Licht ist heute selbstverständlich. Kein Lebensbereich, wo nicht Lämpchen, Strahler und Deckenfluter eingesetzt werden. Die Zeit, in der sich elektrisches Licht schrittweise durchsetzte, war auch eine Epoche des Designs in Deutschland. Eine Ausstellung in der Glashütte Gernheim geht dieser Entwicklung nach. „Leuchten der Moderne“, so der Titel, blickt auf die Produktion der Glaswerke in Jena in den 1920/30er Jahren. Der Bauhaus-Einfluss gab den neuen Lichtquellen auch neues Formvolumen. Die Schule der Gestaltung war weder zu ihrer Zeit in Weimar (1919–25) noch in Dessau (1925–1930) weit entfernt. Und Bauhauslehrer wie Marianne Brandt, Wilhelm Wagenfeld und Gerhard Marcks sind mit Entwurfsbeispielen in Petershagen vertreten.

Mit der Massenproduktion von Glühbirnen konnten neue Gebrauchsweisen entwickelt werden: Punktuell für Lese- und Arbeitsplätze, für den öffentlichen Raum auf Plätzen und in Einkaufspassagen, für Werbung in Schaufenstern, für Gebäudegestaltung bei Nacht sowie für Speziallösungen in Wohnungen bis hin zum Kosmetikspiegel. Mit Licht wurde vor allem in den Städten ein Erscheinungsbild angestrebt, das dem modernen Menschen ein illuminiertes Gefühl gab.

In der Glashütte Gernheim hinter der Produktionsplattform mit Brennofen wird die Modernisierung der Leuchtmittel mit großartigen Objekten vor allem aus privaten Sammlungen bestückt. Aber auch die Kunstsammlung Jena, das Schott Archiv und die Designgalerie Trouvé aus Berlin sind vertreten.

Die „Glasproduktion im Lichte des Bauhauses“, so der Untertitel, startet erstmal mit Gas. Hinter dem bieder anmutenden Milchglas-Schirm, der am Rand wellig eingeknickt ist und an eine Bordüre erinnert, steckt ein „Glühstrumpf“ in dem Lampenschirm. Diese Erfindung von Carl Auer von Welsbach ermöglichte ab 1885 eine Beleuchtung mit Gas. Und mit dem hitzebeständigen Gasglühzylinder der Jenaer Glaswerke Schott und Gen. wurde die Anwendung verbessert. Gas sollte noch bis in die 1920er Jahren kostengünstiger als elektrisches Licht sein. Es gab neue Materialien aus Jena, wie das opakweiße Glas (für Lampenschirme) mit dem Namen Autosit. Diese eingetragene Marke half der Firma bei künftigen Entwicklungen am Markt.

In Petershagen ist eine „Hochleistungslampe“ (1936) zu sehen, die Glühbirne von Osram. Ein Lichtbild von dem renommierten Fotografen Albert Renger-Patzsch zeigt die Abteilung Elektrotechnik in Jena (1936 – 1939). Auch ein Wandhalter für eine Kugelleuchte (1920) ist ausgestellt.

Vom Design her sind die Tischleuchten ein Höhepunkt der Ausstellung. Wilhelm Wagenfelds W2, ein sogenannter Designklassiker von 1924, ist in einer Ausführung von 1930 zu sehen – mit größerem Kugelschirm. Die Tischleuchte M/Typ 2 (1927) hat einen gefalteten Papierschirm – ein bisschen Japan.

Wagenfeld sorgte auch dafür, dass das hitzebeständige Jena-Glas zum formschönen Markenbegriff wurde. Seine Entwürfe zwischen 1931 und 1937 bestimmten die Glasproduktion in Jena. Seine Teekanne (1931), Backschüssel und Soßengießer (beide 1935) sind in Petershagen ausgestellt. Die Kaffeemaschine Sintrax von Gerhard Marcks, der 1920 die Bauhaus-Töpferei leitete, und Entwürfe für Außenlampen von Marianne Brandt, Leiterin der Metallwerkstatt 1929 in Dessau, belegen, wie erfolgreich der Kontakt zum Bauhaus war. Wagenfeld hatte am Bauhaus in Weimar studiert, leitete von 1926 bis 1930 die Metallwerkstatt und wurde einer der erfolgreichsten Produktdesigner seiner Zeit. Seine Pendelleuchten waren stilbildend. Wagenfeld setzte die Kugel mit der zylindrischen Form ins Verhältnis. Neben den Typen 61 und 63 von 1931 ist eine große Formzeichnung Wagenfelds von seiner Spiegelleuchte ausgestellt.

Wie angesagt die Moderne auch bei Privatleuten war, zeigen Dekorprogramme zu Leuchten aus Jena. Einfache, kantige und farbstarke Strukturbilder, die an den Konstruktivismus, Suprematismus und die De-Stijl-Bewegung erinnern, sind bis 1939 verkauft worden. Wilhelm Lotz, der 1928 eine Theorie zu moderner Beleuchtungstechnik formulierte, sprach allerdings von „modernistischem Unfug“. Ein Werbeplakat zur Roban-Pendelleuchte der Jenaer Glaswerke zeigt, dass das Milchglas gleich ganz für die Formgebung eingesetzt wurde. Metallarmaturen dabei sind sehr zurückgenommen. Aus dem Atelier von László Moholy-Nagy – 1923 bis 1928 am Bauhaus – kam diese orange-schwarze Werbegrafik.

Die Ausstellung zeichnet Entwicklungsschritte in der Beleuchtungstechnik nach. Funktionale Lampen wie die „Atax“-Spiegelleuchte wurden als „Schrägstrahler für Lagerräume, Treppen, Korridore“ und für Werkstätten beworben.

Die Firma Körting & Matthiesen (Leipzig) vertrieb unter der Marke Kandem Deckenleuchten von Marianne Brandt. Architekt Adolf Meyer – unterrichtete am Bauhaus in Weimar – entwarf für die Firma Zeiss Ikon Stufen- und Zonenspielleuchten.

Unter dem Titel „Wagenfeld Revisited “ sind aktuelle Entwürfe von Produktdesignern ausgestellt, die sich an dem Klassiker orientieren. Ineke Hans (Arnheim) beispielsweise setzt Farben bei ihrer Pendelleuchte mit Kugelglas und Lichtscheibe ein. Das Bauhaus ist 100 Jahre nach seiner Gründung immer noch formgebend. Die Ausstellung zählt zum NRW-Projekt „100 jahre bauhaus im westen“.

Bis 25. 8.; di-so 10 – 18 Uhr; Tel. 05707/93110; www.lwl-industriemuseum.de

Quelle: wa.de

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